Das unerträgliche Gefühl, zu verlieren

Lang ist’s her, eine gefühlte Ewigkeit… Fast hatte man darüber vergessen, wie fies sich Niederlagen anfühlen. Klar, da gab es das ungerechte Pokal-Aus gegen Köln, irgendwann im Herbst. Aber sonst, in der Bundesliga? Lebte es sich prächtig damit, entweder zu gewinnen oder wenigstens nicht zu verlieren.

Doch jetzt war‘s mal wieder so weit. Natürlich durfte man nicht erwarten, eine ganze Saison lang ungeschlagen zu bleiben, und die vielen Unentschieden haben ja auch mehr Punkte gekostet, als wenn es stattdessen zur Hälfte Siege zu feiern und zur anderen Hälfte Niederlagen zu beklagen gegeben hätte. Trotzdem – so ein Bundesliga-Wochenende wird dadurch erstaunlich fad, selbst wenn danach Leverkusen und Hertha verlieren und Dortmund in Mainz nicht über ein Remis hinauskommt.

Leipzig habe sich das Glück erarbeitet, sagte unser Trainer nach dem Spiel – und Leipzigs Hasenhüttl nickte dazu. Mit einem Stochertor und einem abgefälschten Schuss, bei Unterzahl des Gegners, wäre mehr Würdigung für seine Mannschaft auch nicht drin gewesen. Zudem hatte Kevin Vogt zu Beginn der zweiten Halbzeit ausgewechselt werden müssen, nach einem Zusammenprall mit Baumann, und Schär konnte den Verlust nicht wirklich ausgleichen. Am Ende reichte Leipzig ein knappes 2:1, um uns zu besiegen.

Ausschlaggebend dafür war das hohe, intensive Pressing der Gastgeber – und dass Hoffenheim nur selten Lösungen dafür fand. Julian Nagelsmann erklärte es folgendermaßen: „Gegen so einen starken Pressing-Gegner musst du nicht als ballführender Spieler die Lösung haben, sondern als ballferner.“ Was er damit meinte: Allzu oft sahen sich seine Spieler nach Ballgewinn in der eigenen Hälfte von mehreren Gegenspielern förmlich umzingelt und verloren den Ball viel zu schnell wieder, was aber vor allem daran lag, dass es kaum geeignete Abspielmöglichkeiten gab… Bis auf dieses eine Mal in der 18. Minute, als Rudy klug nach links auf Demirbay abgab, der einen genialen Diagonalpass auf Amiri spielte, der ideal zurück nach links auf Kramaric weitergab, der uneigennützig und perfekt getimt nochmals zurück in die Mitte passte, bis Amiri den Ball schließlich frei über die Linie schieben konnte.

Nachdem das hohe Pressing von Leipzig vorher gut anzusehen gewesen war und hier und da auch Gefahr ausgestrahlt hatte, sich aber durch das Bilderbuch-Kontertor der TSG ins Gegenteil verkehrte, herrschte für ein paar Minuten Verwirrung in den Reihen der Hausherren. Dies war der Moment, da Hoffenheim das Spiel hätte komplett an sich ziehen können. Das hohe Pressing wurde zwar noch praktiziert, doch die Leipziger verloren die Bälle jetzt ihrerseits ebenso schnell. Leider gelang es nicht, daraus Kapital zu schlagen, weil Leipzig alsbald mit vielen taktischen Fouls dazwischen ging und den Spielaufbau im Übermaß unfair zerstörte. Dies wäre nun der Moment für Schiedsrichter Stark gewesen, mit gelben Karten wieder für freieren Spielfluss zu sorgen. Doch der nicht nur in diesem Spiel etwas sture und einseitig leitende Pfeifenmann zog es vor, sich vornehm zurückzuhalten und zuletzt auch noch Amiri statt Dauerübeltäter Keita gelb zu verwarnen. Und unsere Mannschaft ließ sich von der hitzigen Gangart beeindrucken und agierte fortan zu hektisch.

Kurz vor der Pause führte die hitzige Atmosphäre dann, wie es so zugeht in verpfiffenen Partien, erstens zu jenem etwas glücklichen Stochertor von Werner und zweitens zum Zusammenprall von Baumann mit Vogt. Zwar stand Vogt nach kurzer Bewusstlosigkeit und längerer Behandlung wieder auf und brachte die Halbzeit zuende, kam jedoch wegen der erlittenen Schädelprellung nicht mehr aus der Kabine zurück. Damit fehlte Hoffenheim der zentrale und wichtigste Defensivmann, was neben der roten Karte für Wagner in der 60. Minute von spielentscheidender Bedeutung war.

Wagners Foul, das imgrunde keines war, weil es nicht absichtlich geschah, befand übrigens auch Jogi Löw nicht für rotwürdig, der wegen des Spitzenspiels zum ersten Mal in Leipzig war. Gelb hätte für die grobe Ungeschicklichkeit tatsächlich ausgereicht. Man wird nun sehen, ob der DFB bei der zu verhängenden Sperre mehr Augenmaß beweist als Schiri Stark – und falls es Zweifel an Wagners Redlichkeit und Fairness gibt, der bis dahin durch keinerlei Grobheit aufgefallen war, kann sich das DFB-Schiedsgericht ja seinen kreuzsympathischen Auftritt im ZDF-Sportstudio anschauen. Drei Spiele Sperre wären jedenfalls zwei zu viel! Und zwei Spiele Sperre immer noch ungerecht!

In Unterzahl hatte Hoffenheim natürlich keine große Aussicht mehr, das Spiel zu gewinnen. Bis zur 77. Minute gelang es immerhin, das Unentschieden zu halten. Dann erzielte Leipzig den nächsten Glückstreffer, als Sabitzer halblinks noch hinter der Strafraumgrenze abzog und den sich wegdrehenden Schär traf, so dass der Schuss für Baumann unhaltbar wurde. Und so wurde die erste Saisonniederlage Realität.

Unterm Strich ist das wahrlich kein Beinbruch. Tage, an denen es nicht läuft, gibt es nunmal. Auch die Mannschaft wird sich davon nicht sonderlich beeindrucken lassen, genauso wenig wie wir Fans. Lieber verlieren wir mal und gewinnen dafür öfter – wenn eben nur nicht das ganze Wochenende davon in Mitleidenschaft gezogen würde…

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