Gipfeltreffen in Leipzig

Leipzig ist vieles: Messestadt, Stadt der Bücher, des Völkerschlachtdenkmals, des Thomanerchors, des Gewandhausorchesters, es beherbergt die Nikolaikirche, die zu Wendezeiten bedeutsam wurde, dazu ein Schillerhaus und Auerbachs Keller, bekannt aus Goethes Faust, und vieles mehr… Echte Leipziger, also dort geboren, waren oder sind: Leibnitz (Mathematiker), Wagner (nein, nicht Sandro: der Komponist!), Reclam (Verleger), Clara Schumann (Pianistin), Liebknecht (Kommunist), Tetzel (Ablassprediger), von Puttkamer (NASA), Eva Pflug (Raumschiff Orion) – und viele mehr…

Seit neuestem ist Leipzig aber auch die Heimat einer der besten Mannschaften in der Bundesliga. Insofern lohnt der Besuch der Stadt gleich zweimal. Und so macht sich Hoffenheim am Wochenende zum ersten Mal auf den Weg dorthin und schaut sich gründlich um: vielleicht weniger nach Sehenswürdigkeiten, eher nach „Zählbarem“ in Gestalt von ein bis drei Punkten. Ja, soll man denn nicht von überallher, wo man auf Reisen war, ein Souvenir mitbringen?

So ein Punktesouvenir wäre jedenfalls ein feines Mitbringsel für die Daheimgebliebenen, die den weiten Weg nach Sachsen aus egal welchen Gründen nicht in Angriff nehmen können, aber unserer Mannschaft nicht minder die Daumen drücken. Im Hinspiel war die Begegnung noch eine echte Wundertüte, niemand wusste, wie sich der ehrgeizige Aufsteiger in der Ersten Bundesliga präsentieren würde. Inzwischen weiß man, was er kann: Platz 2 zum Ende der Hinrunde und schlappe drei Punkte hinter den Bayern sprechen jedenfalls eine deutliche Sprache. Leipzig, immer schon eine moderne Stadt, selbst zuzeiten der hinterwäldlerischen DDR, spielt denn auch schnellen, modernen Fußball – und hat damit reihenweise traditionsschwere Vereine, die so sehr an liebgewonnenen Strukturen hängen, überrannt.

Gegen Hoffenheim schafften die Sachsen gleich zum Auftakt ein sehenswertes Remis. Ihre Spielkultur hat sich seither noch gesteigert, überfallartig schwärmen sie aus, verfügen über junge, wendige Spieler mit hohen technischen Fertigkeiten samt einer klangvollen Ersatzbank. Nur gegen die Bayern sind sie gnadenlos untergegangen, hier hat der stürmische Ehrgeiz versagt. Und das öffnet eine Perspektive für den Antritt der TSG, die in Fußballdeutschland ja ebenfalls für offene, staunende Münder sorgt, indem sie hinter Leipzig den dritten Platz in der Hinrundentabelle belegt und als einziges Team der Liga, sogar aller großen europäischen Ligen, noch kein einziges Spiel verloren hat.

Die Perspektive, die Bayern München den Rasenballsportlern gewissermaßen aufgezeigt hat, lag im Ballbesitz. Gegen die ruhige, sichere Ballrotation der Bayern fand Leipzig kein Mittel und reagierte hektisch mit ungesicherten Angriffen. Gegen Hoffenheim könnte sich ein vergleichbares Szenario ergeben. Oft genug in der Saison, auch wieder zuletzt gegen Augsburg, hat die TSG mit enorm viel Ruhe und Spielübersicht den Ball durch die eigenen Reihen laufen lassen und, wann möglich, blitzschnell zugeschlagen. So ähnlich wird deshalb wohl auch die taktische Planung von Julian Nagelsmann aussehen. Leipzig ist vorn stark, hinten aber verwundbar. Die Mannschaft reißt vorn die Zäune des Gegners nieder, um hinten gar nicht erst in Verlegenheit zu kommen. Hoffenheim wird dieses strategische Ungleichgewicht nutzen wollen – um Leipzig aus souveränem Ballbesitzfußball heraus Paroli zu bieten und womöglich zu besiegen. Dafür ist es gut, dass Kramaric endlich wieder getroffen hat und seine Hemmung vor dem Tor damit ad acta gelegt sein dürfte. Wagner und Uth sind ohnedies gut dabei, aber es braucht sicher eine hohe Chancenverwertung, um in Leipzig zu bestehen.

Freuen dürfen wir uns auf ein spannendes, schnelles und faires Spiel, das Fußball in Reinkultur und auf hohem Niveau bieten wird. Die Aussicht darauf reicht eigentlich als Antwort auf alle, die in der Begegnung mal wieder nur ein Aufeinandertreffen von Plastikklubs sehen wollen. Dabei wären sie froh, wenn sie ähnlich schönen Fußball ähnlich oft sehen könnten wie die Fans von Hoffenheim und Leipzig! Imgrunde ist es so wie bei Jacken und Schuhen: Wenn heutzutage Kunststoff derart gefühlsecht wie Leder hergestellt werden kann, warum sollte man dann noch überall Tierhäute verwenden? Traditionen sind, von nahem besehen, oft eben auch hässlich. Und der Fortschritt ist, wenn man vorurteilsfrei hinschaut, oft genug eine feine Sache… Nach Augsburg, das auch kein lupenreiner Traditionsverein ist, würden wir in Leipzig jedenfalls gerne erneut einen Auswärtssieg landen! Auf geht’s, Hoffe, kämpfen und siegen!

Zur Unterstützung herangezogen wurden Informationen von:

kicker.de

Fotos:
Uwe Grün, Kraichgaufoto (http://www.kraichgaufoto.de/)

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Alexander H. Gusovius