Süle geht, Rudy geht

Es ist amtlich: Süle und Rudy werden bald für die Bayern spielen. Oder dort erstmal auf der Bank sitzen? Für viel Gage und keine oder eine zu kleine Transfersumme? Kann das sein, darf das sein? Ist sowas gerecht? Das Thema des Weggangs von Rudy und Süle im kommenden Sommer erhitzt die Gemüter der Fans wie kein anderes im Moment – was auch kein Wunder ist, wenn man an die zentrale Bedeutung der beiden für Hoffenheim denkt.

Gerechterweise muss man vorneweg anmerken, dass größere Enttäuschung, wenn wichtige, ans Herz gewachsene Spieler in anderen Farben auflaufen, uns im umgekehrten Fall natürlich nicht heimsucht – zum Beispiel dann, wenn ein Olli Baumann seinen langjährigen Verein SC Freiburg verlässt und bei uns anheuert. Im Gegenteil freut man sich von Herzen über den erstklassigen neuen Spieler und findet, dass sich die Freiburger Fans mal nicht so haben sollen: Spieler kommen und gehen, so ist halt der Lauf der Dinge im Fußball… Und ein Baumann wäre doch auf Dauer zu schade für eine Fahrstuhlmannschaft wie Freiburg, die alle paar Jahre die Liga wechselt.

Aber jetzt hat es auch uns getroffen, und zwar ins Mark! Süle und Rudy, das ist Hoffenheim pur, da geht TSG-Genetik von Bord, und schon stört es uns, wie die Dinge im Fußball nunmal so laufen! Und doch müssen wir uns damit abfinden und könnten vielleicht sogar Verständnis dafür haben. Im Fall Rudy zum Beispiel: von Löw ausgemustert fürs große Turnier, im Sommer vertragsfrei, Mitte zwanzig überschritten und außer in Stuttgart und Hoffenheim nicht viel erlebt – da kommt so ein Angebot daher wie ein All-you-can-eat-Jahresabo im Steakhaus!

Der stille, leise, sich nie in den Vordergrund schiebende Rudy zu den Bayern? Hätte nie einer für möglich gehalten, jetzt hat er’s allen gezeigt. Doch, auch dafür kann man Verständnis haben – und dafür, dass er das Risiko eingeht, nicht so viel zu spielen wie bei uns… Was Süle betrifft, sagt sein bedachtsamer Berater Karlheinz Förster, sei die Zeit einfach reif für den nächsten großen Schritt. Auch das kann man nachvollziehen. Dass er wie Rudy riskiert, im Starensemble der Bayern erstmal viel auf der Bank zu sitzen, schreckt einen wie Süle nicht ab – und das ist gut so. Wer sich nichts traut, das hat er schon bei uns bewiesen, kommt im Leben nicht voran. Also traut er sich.

Außerdem muss man mal festhalten, dass Rudy, wie bereits gesagt, kein Hoffenheimer Gewächs ist, sondern vor Jahren vom VfB zu uns kam. Süle als Absolvent der Hoffenheimer Jugendakademie wirkt deutlich tiefer eingewachsen – aber seine Wurzeln liegen in Frankfurt, der große Kerl hat einst in Eintracht-Bettwäsche geschlafen. Es ist also wirklich so, dass Heimat im Fußball für talentierte Profis alles andere als ein ewiger Wert ist. Da müssen wir uns als Fans einfach in die Verhältnisse einfinden, die wir mal begrüßen, mal beklagen.

Und dann der kolportierte Preis von Süle, der angeblich bei 20 Mio. € liegen soll. Nicht wenige TSG-Fans sehen darin ein Bayern-Schnäppchen, einen Spaßpreis, eine Hoffenheimer Demutsgeste vor den großen Bayern. Anders gesagt hätten die cleveren Bayern die TSG mit den paar Mio‘s schlicht und einfach über den Tisch gezogen, in England wäre doch viel mehr drin gewesen. Letzteres kann sogar sein, der internationale Markt und speziell die hohe Liquidität in England geben im Moment viel her. Aber Süle wollte nunmal zu den Bayern! Kann man ihm das verwehren?

Darf man jemanden, der in sehr jungen Jahren bereits viel für den eigenen Verein geleistet hat, dicke Steine in den Weg legen, indem man finanziell höchste Hürden aufbaut? Außerdem: Wer weiß denn schon, ob der kolportierte Preis stimmt und welche Klauseln der Vertrag im Hintergrund hat, wieviel zusätzliche Einkünfte Süle der TSG im Laufe der Jahre also noch beschert! Die reine Transfersumme sagt in der Regel nicht viel aus über den eigentlichen Fluss der Finanzen… Wenn sich die TSG im Fall Süle finanziell besonders fair verhalten hat, muss man das wirklich nicht kritisch sehen.

Außerdem – eine Halbsaison haben wir die beiden ja noch zum Genießen! Und wenn sie dann mal weg sind und für die Bayern spielen, werden andere Spieler zu uns gestoßen sein. Nach den letzten Transfers der TSG bspw. von Wagner, Demirbay und Vogt darf man im Übrigen davon ausgehen, dass es sich um starke Spieler handeln wird. Hoffenheim wird Süle und Rudy vermissen, klar, aber davon nicht schwächer werden! Schon gar nicht, wenn die beiden helfen, die erfolgreiche Hinrunde in eine ebenso gute Rückrunde hinein zu verlängern.

 

Fotos: Kraichgaufoto, Uwe Grün

Deine Meinung zum Artikel:
Alexander H. Gusovius