Das Fischbein-Korsett

Julian Nagelsmann war vom erneuten Unentschieden, dem dritten in Folge und insgesamt zehnten, derart angefressen, dass er die erste Halbzeit seiner Mannschaft förmlich in Grund und Boden kritisierte. Aus taktisch-technischer Sicht mochte er damit sogar recht haben, wenigstens teilweise, weil die TSG sich aus der exzellenten Raumverengung der Bremer Mannschaft kaum einmal wirkungsvoll befreien konnte. Aber so schlecht, wie er es aus verstehbaren Gründen empfand, war die erste Halbzeit vielleicht doch nicht.

Denn nach den ermutigenden Anfangsminuten, in denen Werder noch arge Probleme mit der sich erneut abzeichnenden Hoffenheimer Spielfreude zu haben schien, legte sich das Bremer Konzept des verdichteten Raums wie ein Korsett aus Fischbein um die spielerische Taille der TSG, also ums Mittelfeld, das kaum noch zur Entfaltung kam: Amiri und besonders Demirbay hatten zudem nicht den besten Tag erwischt. Und es fehlte Rudys kluges Ballverteilen, so dass vorne nicht viel ging bzw. viel zu wenig ankam – zumal sich Bremen auch noch speziell auf Kaderabeks Flankenläufe eingestellt zu haben schien, der fast nie auf die Grundlinie vorzustoßen vermochte.

Ab der 26. Minute änderte sich die Lage jedoch, als infolge des eher glücklichen Tors durch Wagner die TSG auf einmal in Führung lag – und Werder aufmachen musste. Jetzt boten sich mehr Räume, aber irgendwie schien unsere Mannschaft das Korsett trotzdem nicht mehr aufschnüren zu können. Mancher eher konfuse Pass deutete außerdem darauf hin, dass man das Spielgeschehen so kurz vor Weihnachten und nach einer derart erfolgreichen Hinrunde nicht mehr ganz ernst nahm. Noch ein, zwei geniale Momente, schien die Mannschaft zu denken, und die drei Punkte wären wie in einem winterlichen Spaziergang locker eingefahren!

Nach der Pause änderte Bremen sein Fischbein-Konzept bzw. verlagerte es noch weiter nach vorn. Werder griff also extrem früh an und setzte von jetzt an die ballführende TSG-Defensive massiv unter Druck. Daraus ergaben sich natürlich auch schöne Kontermöglichkeiten, die aber allesamt etwas flüchtig vergeben wurden, ganz egal, wer da gerade durchgebrochen war oder den letzten Pass vergeigte. Auf den Tribünen raufte man sich darüber die Haare, der nächste Heimsieg schien nah und noch näher, doch der Ball gelangte einfach nicht dorthin, wo er hingehörte: gleich ins Netz oder wenigstens auf den Fuß oder Kopf eines nicht mehr zu stoppenden Angreifers. Und so langsam ahnte man, dass das nicht gut enden würde…

Über lange Strecken schien Werder trotz allem nicht in der Lage zu sein, von der abenteuerlichen Hoffenheimer Abschluss- bzw. Konzentrationsschwäche zu profitieren. Die Bremer Offensivschwäche entging natürlich auch unserer Mannschaft nicht, weshalb sich gleich das nächste Fischbein-Korsett diesmal um die Köpfe unserer Spieler legte und ihnen suggerierte, dass es hier allenfalls um die Höhe des Heimsiegs ging. Inzwischen waren Schwegler für Demirbay, Kramaric für Uth und Atik für Amiri eingewechselt worden, ohne dass es zu merkbaren Änderungen führte.

Auf Bremer Seite gelang das Einwechseln leider viel besser. Abwehrspieler Sané wurde in der 76. Minute durch den Offensivmann Johansson ersetzt, was die beiderseits festgezurrte Taktik auflöste und zu fast vogelwilden Szenen auf dem gesamten Spielfeld führte – mit dem Effekt, dass Werder im Getümmel der 87. Minute doch noch ein Tor erzielte, durch Gnabry. Und in den wenigen Restminuten vermochte unsere Mannschaft nicht mehr den Schalter umzulegen, zu tief saß der Schreck.

Damit überwintert unsere TSG auf Platz 5 der Tabelle. Bei einem Sieg wäre es Platz 3 gewesen, doch sind wir ehrlich: groß ist der Unterschied nicht… Hinter den standesgemäß wieder führenden Bayern logieren die schmerzlich zurechtgestutzten Neulinge aus Leipzig, dahinter Berlin, dann leider die Frankfurter, die immer noch lauthals zu viele angeblich ungerechte gelbe Karten beklagen, nur nicht die ausgebliebene rote für Abraham. Immerhin stehen wir aber noch vor Dortmund und Köln, was ja auch eine schöne Sache ist, und überhaupt taugt der ganze Tabellenhype mitten in einer Saison wenig: Besser ist es, ruhig zu bleiben und sich aufs Wesentliche zu konzentrieren und sich im Übrigen daran zu erfreuen, wie gut und wie schön unsere TSG in dieser Saison Fußball spielt.

Außerdem darf man Hertha BSC den Sieg über Darmstadt, der die alte Dame wieder auf Platz 3 gehoben hat, nach dem verheerenden, widerwärtigen Anschlag auf den Berliner Breitscheidplatz aus tiefstem Herzen gönnen. Für die Menschen in der Hauptstadt kommt ein solches Trostpflaster zum rechten Zeitpunkt. Denn für sie (noch mehr als ohnehin für uns alle) sind die nahen Weihnachtstage durch den massenmörderischen Anschlag diesmal kein frohes, sondern ein sehr nachdenkliches Fest geworden. Der Hoffenheimblog lässt es sich trotzdem nicht nehmen, allen seinen Lesern und Fans der TSG Dank zu sagen und ihnen eine gesegnete, besinnliche Weihnacht zu wünschen! Und einen guten Rutsch ins neue Jahr…

Fotos: Kraichgaufoto, Uwe Grün

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