Die Leiden des Thomas T.

Auf der Pressekonferenz gab Thomas Tuchel – ohne genaueres Hinsehen – ein bemitleidenswertes Bild ab. Denn zum wiederholten Mal (signalisierte er in betroffenster Stimmlage und mit einem Mienenspiel voller Lebensschmerz) waren er und seine Exzellenz-Truppe um den verdienten Lohn gebracht worden – der nämlich zweifellos in einem großartigen Sieg des BVB bestanden hätte, wäre nicht Hoffenheim wie die Axt im Walde permanent zwischen die Beine seiner Stars gefahren.

Apropos Axt im Walde: Aki Watzke, Chef des leidenden Trainers, machte nach dem Schlusspfiff am Freitagabend aus seinem Herzen (wie gewohnt) ebenfalls keine Mördergrube und beklagte bitterlich erregt zwei Mega-Fehler des Schiedsrichters, die nicht mehr und nicht weniger als spielentscheidende Dimension gehabt hätten: Wagners Tor und die gelb-rote Karte von Reus. Ersteres sei wegen eines Schubsers ganz klar keines und letztere völlig unberechtigt gewesen.

Nur dass nichts davon der Realität entsprach! Womöglich hätte man Wagners leichten Schubser zwar abpfeifen können – aber dann würden nahezu keine Tore mehr zählen können, denen ein Zweikampf vorausging. Fakt ist, dass in der Bundesliga viele solcher Tore gegeben werden, in denen im Strafraum ein bisschen gezupft, geschubst oder geschoben wurde: Man denke nur an Kießling. Außerdem hat sich nie jemand seitens des BVB beschwert, als einst Lewandowski schwarz-gelbe Tore unter ähnlichen Umständen erzielte. Und was die gelb-rote Karte von Reus anbelangt, sagte übrigens TV-Schiri-Experte Gagelmann, der in Sinsheim auf der Tribüne saß, dass sie völlig berechtigt war!

Kommen wir zu Thomas Tuchels Hauptvorwurf, Hoffenheim wäre überhart in die Partie gegangen und hätte seinen Schützlingen allzu arg zugesetzt. Das ist derart einseitig gemutmaßt, dass man sich schon wundern muss. Denn in Wahrheit hat die Partie enge Zweikämpfe auf beiden Seiten gesehen, und keine Mannschaft wurde dabei jemals brutal oder wurde vom blutjungen Schiedsrichter benachteiligt, dem die gelben Karten nach dem Desaster seines Kollegen letzte Woche in Frankfurt zudem nach beiden Seiten ziemlich locker saßen.

Dass man seitens der Leitungskader eines Vereins nicht zwingend solch einseitige Meinungen äußern muss oder aus Herzensgründen gewissermaßen gar nicht anders kann, als die jeweilige Faktenlage zu ignorieren, bewies einmal mehr Julian Nagelsmann, der auch ohne blau-weiße Brille auskommt und bspw. nach den Videobildern der gelb-roten Karte gegen Reus meinte, der Schiri hätte durchaus milder urteilen können. Peter Gagelmann hatte das, wie gesagt, anders gesehen.

Warum lagen die Nerven der BVB-Verantwortlichen dann derart blank, dass sie ebenso wund wie fern der Realität fortwährend Klagegesänge anstimmen mussten und die nicht weniger frustrierten Fans mal wieder die bekannten Schmähgesänge gegen Dietmar Hopp intonierten? Weil es nicht richtig gut läuft beim BVB. Die Ära Tuchel kommt nicht wirklich vom Fleck, die Mannschaft hat strukturelle Probleme – an denen der Ausfall einiger Leistungsträger nur bedingt beteiligt ist. Imgrunde fehlt die gesamtmannschaftliche Linie, die innere Klarheit. Tuchel und der BVB sind noch keine Erfolgsgeschichte. Da verwickelt man sich gern mal in Weltschmerz und versteckt sich hinter Schiri-Entscheidungen…

Unsere Mannschaft hat dagegen sehr viel innere Klarheit, die sie vor allem auch auf den Platz zu bringen versteht. Dabei gibt es sogar noch einiges Steigerungspotential – was in der zweiten Halbzeit gegen Dortmund sehr gut zu beobachten war. Mal ums Mal rollten die Hoffenheimer Konter gegen die nicht sehr stabile BVB-Defensive an, und Mal um Mal machten wir uns das Leben selber schwer. Das Angriffstempo der ersten Halbzeit schmolz dahin, nachdem der BVB ohne Reus nur noch zu zehnt unterwegs war und das Kurzpass-Spiel der TSG immer wieder in selbstverschuldeten Stillstand geriet. Zu dieser Zeit war Demirbay, der zur Überraschung aller in der Startaufstellung stand, schon nicht mehr auf dem Platz, wurde aber von Atik respektabel vertreten.

Und trotzdem gab es eine unfassbare Anzahl an Chancen, den BVB zu besiegen. Den Auftakt bildete Wagners Pfostenknaller nach Kaderabeks grandiosem Flankenlauf (mit sofortigem Gegenkonter und Aubameyangs Ausgleichstreffer), das Finale bildeten hochkarätige Chancen für Toljan und Kramaric, von den vielen Halbchancen zu schweigen. Doch bei aller Enttäuschung muss man sagen, dass ein Punkt gegen den BVB immer noch eine feine Sache ist. Fünfzehn Ligaspiele in Folge ungeschlagen zu sein und im oberen Tabellendrittel mitzumischen, ebenfalls. Immer Spaß zu haben, wenn man Spiele mit Hoffenheimer Beteiligung anschaut, zählt auch sehr viel. Und ein Höhenflug, wie ihn Leipzig bisher erlebt, kann schmerzhaft enden. Darum mag es letztlich sogar von Vorteil sein, wenn unsere Mannschaft bisher etwas öfter mit einem Unentschieden vom Platz geht, als man gern hätte.

Fotos: Kraichgaufoto, Uwe Grün

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Alexander H. Gusovius