Tritte und Schläge

Eintracht Frankfurt, die launische Diva, hat sich Freitagabend als derbe Kickboxerin entlarvt, während sich Schiedsrichter Dingert als scheue Unschuld vom Lande präsentierte. Spät erst, viel zu spät, hat er versucht, dem überharten Treiben der Gastgeber Einhalt zu gebieten. Mit dem Effekt, dass aus einem vermeintlichen Spitzenspiel ein regelrechtes Bolzplatzereignis wurde.

Frankfurt gegen Hoffenheim: das war das Aufeinandertreffen des Tabellenvierten gegen den Fünften. Doch statt des erwarteten hochklassigen Spiels erlebte man ein gruseliges Schauspiel fußballerischer Unarten, dargeboten von einer zu jeglicher Form von Tritten und Schlägen aufgelegten Eintracht. Die Heimmannschaft ging derart giftig in die Partie, dass Vokabeln wie „gesunde Zweikampfhärte“ oder „rustikal“ keine Geltung mehr hatten. Und weil sich Schiri Dingert offenbar strikt vorgenommen hatte, die erwartbar enge Partie keinesfalls durch allzu frühes Zücken gelber Karten zu behindern und vom Verfolgen seines Kurses auch durch kein noch so hartes Einsteigen der Frankfurter abzubringen war, entglitt ihm die Partie.

Bewundernswert war, wie ruhig und gelassen Hoffenheim mit den üblen Tretereien und der immer flagranteren Ungerechtigkeit umging – soweit es die erste Halbzeit betrifft. Statt sich provozieren zu lassen und dann, wie es ja oft geschieht, selber die eigentlich auf der Gegenseite fälligen Karten zu kassieren, ließ die TSG den Ball rotieren und übernahm die spielerische Führung der Partie. Nur dass dadurch Frankfurt noch gereizter wurde und die überharte Gangart immer weiter steigerte. Deshalb gelang es nicht, die spielerische Überlegenheit in echte Torgefahr umzumünzen.

Nicht ein einziger Spielzug konnte zuende gebracht werden, Frankfurt war klar unterlegen – und trat, rempelte und schlug sogar dazwischen. Leider war es dann ausgerechnet der eigentlich sanftmütige, ehemalige Hoffenheimer David Abraham, der im Laufduell mit Wagner voll mit dem Ellenbogen auf den Kopf von Wagner gefährlich einschlug, in voller Absicht. Und was tat der Geschlagene, der als großer Polarisierer gilt und lachhafterweise nicht mal einen Freistoß zugesprochen bekam? Er signalisierte Abraham, dass er ihm den üblen Schlag nicht nachtrug. So geht fair…

Jeder, selbst aufseiten der Eintracht, gestand später ein, dass Abraham die rote Karte hätte sehen müssen. Mit der Frankfurter Einsicht war es darüber hinaus jedoch nicht weit her, vor allem nicht in Sachen Selbsterkenntnis. Allenfalls ließ man etwas wie „fehlende Konsequenz des Schiedsrichters“ verlauten und sprach ansonsten lieber von „Nickligkeiten“ – oder davon, dass in Deutschland viel zu viel abgepfiffen würde: was in etwa heißen sollte, dass das diesmal eben richtigerweise nicht geschehen sei… So geht übrigens unfair!

In der zweiten Halbzeit waren die Spieler der TSG von den unablässigen Attacken auf ihre Gesundheit dann doch beeindruckt und versuchten, den überharten Zweikämpfen so gut es ging auszuweichen. Das führte dazu, dass Frankfurt sich zusehends in der Hälfte der TSG festspielte und eine Vielzahl von Eckbällen zugesprochen bekam, was aber kaum wirklich gefährlich wurde und Baumann nur selten zum Eingreifen zwang. Um die 80. Minute herum war Frankfurt dann konditionell sichtbar am Limit, Hoffenheim hatte den derben Ansturm überstanden und hätte noch den Lohn für die wüste Landpartie einfahren können.

Doch Frankfurt wäre nicht Frankfurt, wenn es die Eintracht nicht alsbald verstanden hätte, ein neues Feuer unterm Dach zu entzünden: diesmal in Form einer Rudelbildung. Zwar kassierte am Ende des Gewühls der eigene Mann eine rote Karte, aber Chandlers Rauswurf hatte wertvolle Minuten von der Uhr genommen und den sich gerade wieder anbahnenden Spielfluss der TSG erfolgreich torpediert. Damit rettete die Eintracht ein unehrenhaftes Remis über die Runden, das ihr aber vermutlich noch auf die Füße fallen wird. Denn zum einen wurde in dieser Partie die vermeintlich großartige Frankfurter Defensivkraft als Bolzplatzentwurf entzaubert – und zum anderen dürfte die Schiedsrichterzunft von jetzt an genau darauf aufmerksam geworden sein.

Es ist ein Leichtes, die Gesamtschuld für das sportliche Desaster dem tatsächlich indisponierten Schiedsrichter zuzuschreiben. Wer, wenn nicht er, hätte eingreifen können, ja müssen? Die Antwort darauf ist eigentlich ganz einfach: die Frankfurter selbst. Schließlich ist es keine Verpflichtung, sich beim Ausbleiben von gelben Karten immer unkontrollierter aufzuführen. So wie es kein Zwang ist, ohne polizeiliche Überwachung zum Verkehrsrowdy zu werden.  Der eigentliche Grund für das, was geschah, liegt also letztlich einzig und allein bei den Gastgebern. Sie wollten Härte zeigen und wurden brutal. Sie wollten Hoffenheims Qualität unterbinden und erwiesen sich als unterlegene Treter. Und sie sahen ganz genau, was da geschah, und bremsten sich nicht ein. Das gilt für die Spieler und für ihren Trainer. Schade, dass sie das Spiel nicht verloren haben…

Deine Meinung zum Artikel:
Alexander H. Gusovius