Köln am Boden

Die heftigen Schmähgesänge gegen Dietmar Hopp haben das Fußballfest gegen Köln nicht verderben können. Aber einen üblen Beigeschmack hinterlassen sie doch – man kann und will sich an diese debilen Chöre einfach nicht gewöhnen. Warum? Weil sie weder komisch noch ironisch gemeint sind, weil sie kein handfester, derber Spaß sind und darum auch kein verzeihlicher, fußballtypischer Fan-Übermut dahinter steht. Vielmehr transportieren die scharf skandierten Schmähungen jede Menge echter Wut und wollen zu Hass anstiften. In angespannten Zeiten wie diesen sind solche Affekte noch gleich dreimal bedenklicher.

normal_ug158_6144_031216Auch Kölns Präsident Spinner leidet darunter, wie jeder klar fühlende Mensch – und weil er sich dafür schon wieder bei Dietmar Hopp entschuldigen muss, wie er sagt. Derjenige jedoch, der persönlich am meisten darunter zu leiden hat, ist natürlich Dietmar Hopp selbst. Dass er, auch wenn das Maß an Schmähungen insgesamt etwas nachgelassen hat, diesmal deutlich dagegen Stellung bezog, ist mehr als verständlich: „Das ist eine Schweinerei ohne Ende“, zitiert ihn die BILD-Zeitung. Dem kann sich der HOFFENHEIMBLOG nur anschließen. Und hinzufügen: Es handelt sich dabei keinesfalls nur um einen Fehltritt von ein paar Idioten, wie es gern heißt, solange die übrigen gegnerischen Fans – also die Masse derjenigen, die nicht mitskandieren – sich nicht mit Pfiffen dagegen verwahren und die angeblichen Außenseiter zum Schweigen bringen.

normal_ug142_5993_031216-1Es ist nicht der Moment, darauf zu verweisen, was der geschmähte Dietmar Hopp alles an Gutem tut und bewirkt. Denn das klänge danach, als habe er sich zu rechtfertigen. Außerdem: Selbst wenn es seine Stiftung nicht gäbe, die hunderte Millionen Euro an Wohltaten ausstreute und ausstreut, wären die Gesänge immer noch ein übler Vorgang. Oder wollen wir wirklich in einer Welt leben, im Fußball oder außerhalb, in der man einzelne Menschen oder ganze Gruppen in hassender Absicht nach Belieben schmähen und beleidigen kann? Jeder, der glaubt, im Fußball dürfe man auch mal etwas über die Stränge schlagen, sollte sich klarmachen, wie leicht damit für uns alle gefährliche Grenzen überschritten werden.

„Aber die Mannschaft hat die Antwort gegeben“, zitiert BILD Dietmar Hopp weiter. Ja, das hat sie! Mit 4:0 hat 1899 Hoffenheim den 1. FC Köln förmlich vom Platz gespielt… Und dass gegen Ende der Partie fünf Eigengewächse in der Mannschaft standen (Süle, Toljan, Ochs, Amiri, Atik), hat den Triumph noch eindrucksvoller gestaltet. Anders als bspw. in der ARD-Sportschau berichtet, war Köln übrigens ziemlich chancenlos. Die wenigen Gelegenheiten auf Tore resultierten fast alle aus kleineren TSG-Fehlpässen, meistens von Polanski, der sich aber bald einfand und zusehends sicherer wurde. Ansonsten dominierte Hoffenheim die Partie und spielte Köln ein ums andere Mal schwindlig.

So geschehen bei den Toren zum 2:0 und 4:0 durch Toljan und Uth. Und die zwei Tore von Wagner waren die feine Dreingabe eines echten Mittelstürmers, der weiß, wo er stehen muss, und sich in der Luft kunstvoll verdrehen kann, um einen tödlichen Kopfball zu setzen. Die Wahrheit ist: Hoffenheim hat eines der besten Spiele bisher bestritten, vielleicht sogar das beste. Köln fehlten die Mittel, um gegen diese TSG-Spielübersicht, die souveräne Ruhe am Ball und die situativen Beschleunigungen etwas ausrichten zu können. Nicht mal Schiedsrichter Perl vermochte den FC in die Spur zu bringen, als er gegen Ende der ersten und zu Beginn der zweiten Halbzeit Hoffenheim mit fehlerhaften Entscheidungen mehrfach deutlich benachteiligte.

normal_ug078_5524_031216Unterm Strich ist die Revanche gegen das unglückliche Pokal-Aus also geglückt. Nur dass eben kein Glück im Spiel war, sondern die Früchte der Arbeit von Julian Nagelsmann geerntet wurden. Dass Vogt in die Dreier-Innenkette zurückgekehrt war, hat die Defensive und die Spieleröffnung zudem klar verbessert. Und Amiri hat den bedauerlichen Ausfall von Demirbay bis Weihnachten fast vergessen gemacht, während Toljan endlich einmal zeigen konnte, was für ein schneller, wendiger, gefährlicher Spieler er ist. Hoffenheim steht damit auf Platz 4 der Tabelle. Das sieht gut aus, macht gute Laune und darf die Fans auch ein bisschen zum Träumen bringen… Oder wie Mark Uth nach der Partie sinngemäß sagte: „Wenn wir jetzt da oben stehen, sollten wir nicht gleich überdrehen. Aber warum sollen wir wieder runter wollen?“

Fotos: Kraichgaufoto, Uwe Grün

Deine Meinung zum Artikel:
Alexander H. Gusovius