Zum zwölften Mal unbesiegt

Es gab Momente in diesem Spiel in Gladbach, da sah es nicht danach aus, als könnte Hoffenheim das Dutzend voll machen und sich mit RB Leipzig und Real Madrid auf eine Stufe stellen, die als einzige in Europa ebenfalls noch unbesiegt sind in dieser Saison. Es gab sogar ziemlich viele Gelegenheiten, die Partie zu verlieren – in umgekehrter Frequenz zum vorausgegangenen Spiel gegen den HSV, das fast übervoll war von Chancen auf den bzw. die Siegtreffer.

Unverdient war das 1:1 in Gladbach trotzdem nicht, wenn auch etwas glücklich. Nach den starken Anfangsminuten der Fohlen, als Hoffenheim kaum Zugriff aufs Spiel bekam, stabilisierte sich unsere Mannschaft etwa bis zur Mitte der ersten Halbzeit und legte den Offensivdrang der Hausherren wirkungsvoll an die Kette. Mit Schär statt des verletzten Vogt in der Dreier-Innenkette und Polanski für den ebenfalls verletzten Mittelfeldstrategen Demirbay war die TSG vergleichsweise defensiv angetreten – die Doppelspitze aus Wagner und Szalai samt dem auf die Flügel ausweichenden oder dahinter lauernden Kramaric wirkte dagegen eher wie ein offensives Feigenblatt.

Die Gladbacher liefen mit Vestergaard und Strobl auf und begrüßten den genesenen Hazard wieder in ihren Reihen, der für viel Bewegung und Gefahr sorgte. In der 6. Minute klärte Polanski in höchster Not zur Ecke, in der 20. entschärfte Baumann einen Schuss von Stindl aufs kurze Eck, mehr geschah einstweilen nicht. Zu diesem Zeitpunkt schien unsere Mannschaft sich denn auch immer mehr zu stabilisieren, bis in der 25. Minute ein Doppelfehler von Schär doch noch die Gladbacher Führung brachte. Erst klärte Schär einen Angriffsball zu kurz auf den Gegner, dann ließ er Dahoud gewähren, der aus 14 Metern unbedrängt abziehen konnte und Baumann im langen Eck keine Chance ließ.

Spätestens jetzt wurde deutlich, dass der Ausfall von Vogt und Demirbay nicht ideal aufgefangen worden war. Und Gladbach tankte durch das Tor Selbstvertrauen und wollte nach sechs sieglosen Partien endlich wieder gewinnen – und setzte Hoffenheim mächtig unter Druck. Die TSG-Defensive brauchte sich bis kurz vor dem Pausenpfiff über fehlende Arbeit jedenfalls nicht zu beschweren und hatte Glück, dass Baumann in der 44. Minute einen Volley-Schuss von Strobl nach Freistoß auf der Linie mit einer Glanzreaktion abwehren konnte. Zwei Minuten vorher war es zur bis dahin einzigen echten Torchance der TSG gekommen, als Polanski nach einem abgewehrten Rudy-Freistoß eine Rakete aus gut 20 Metern Entfernung abfeuerte, aber Sommer im Gladbacher Tor noch die Finger dranbekam.

Mit dem Wiederanpfiff nahm Nagelsmann die notwendige Korrektur in der Aufstellung vor und brachte den wieder einsatzfähigen Uth und Amiri für Schär und Szalai. Die Maßnahme, das bisherige defensive, ineffiziente Überangebot abzubauen, zeigte auf dem jetzt viel besser aufgeteilten Spielfeld sofort Wirkung: In der ersten Viertelstunde der zweiten Halbzeit gewann Hoffenheim 80% der Zweikämpfe und war fast permanent in Ballbesitz. Trotzdem hatte Stindl in der 49. Minute das 2:0 mehr als auf dem Fuß. Nach einem Solo von Raffael kam er aus gut zehn Metern völlig frei zum Schuss, aber Baumann war erneut zurstelle und ließ den Ball durch eine geschickte Körperdrehung nicht durch die angepeilten Hosenträger passieren.

Fast im Gegenzug setzte Hoffenheim die erste Duftmarke, als nach einer Ecke von rechts erst Süle und dann Hübner brandgefährlich aufs Tor köpften. Nadiem Amiri war es vorbehalten, in der 53. Minute den Chancen-Sack zuzumachen: Kramaric und Rudy hatten den Angriff im Zusammenspiel vorbereitet, dann gab Rudy den Ball an Amiri ab, der im Rücken der Gladbacher frei stand und aus 20 Metern kraftvoll abzog – ins kurze Gladbacher Eck, ebenso überraschend wie unhaltbar für Sommer. Bald darauf musste Steven Zuber vom Platz, Julian Nagelsmann brachte Toljan und hatte sein Auswechselkontingent damit früh erschöpft. Und damit durfte sich mindestens Baumann jetzt nicht mehr verletzen oder rot sehen, sonst hätte ein Feldspieler das Tor hüten müssen.

War die Partie bis hierher schon reich an Aufregungen, wurde sie jetzt ein echter Krimi. Gladbach sah sich durch Amiris Tor um die Früchte einer exzellenten ersten Halbzeit gebracht und schlug beinahe wütend zurück: Angriff auf Angriff rollte aufs Tor der TSG, mal klärte Baumann bravourös, mal verzogen die Gladbacher ihre Schüsse wie Hazard in der 61., Raffael in der 64. und Dahoud in der 68. Minute. Danach wirkte es so, als wären die Gladbacher Kräfte mit dem schweren Champions-League-Spiel im Rücken etwas aufgebraucht, Hoffenheim kam jetzt wieder gefährlicher zum Zug.

Die entscheidenden Szenen mit Herzinfarktpotential standen aber noch bevor. Den Auftakt machte der kurz zuvor eingewechselte Johnson, als er in der 78. Minute nach Zuspiel von Dahoud völlig frei vor Baumann auftauchte – und mit einem mächtigen Schuss knapp am Tor vorbeizirkelte! Die letzten zehn Minuten waren dann ein offener Schlagabtausch, beide Teams wollten den Sieg und holten die letzten Energien aus sich heraus. Jederzeit konnte der Siegtreffer beiderseits fallen, mal durch Kramaric (80. Minute) und Rudy (85. Minute), mal durch Vestergaard (89. Minute) und Dahoud (Nachspielzeit), bis Schiri Aytekin die Partie endlich beendete.

Für die TSG gab es ein paar interessante Lehren aus dem Spiel zu ziehen. Ohne Vogt ist die Fünfer-Abwehr mit Dreier-Innenkette offenbar nicht die beste Lösung – dann scheint die klassische Viererabwehr besser zu greifen, mit gelernten Außenverteidigern. Im Mittelfeld braucht die TSG mindestens einen echten Gestalter. Fehlt Demirbay, kann Amiri ihn gut ersetzen – oder beide spielen gleich zusammen. Und zwei lange Kerls in der Sturmmitte sind wohl einer zu viel, sie stehen sich sonst auf den Füßen oder haben, wenn sie auf Außen ausweichen, nicht die nötige Technik dafür. Ist die Mannschaft aber ausgewogen besetzt, kann sie auch bedeutsame Ausfälle wie von Vogt und Demirbay kompensieren und gegen jede Mannschaft bestehen – was sicher ein entscheidender Grund dafür ist, dass wir noch nicht einziges Ligaspiel bisher verloren haben und hoffen lässt, dass es auch noch eine Weile dabei bleibt…

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Alexander H. Gusovius