Eins zwischen die Hörner…

Es kam, wie es vielleicht nicht kommen musste, aber irgendwann unvermeidbar war: Hoffenheim, anfangs und zwischendurch in allen Belangen komplett überlegen, nahm die Partie gegen den HSV nur zu Beginn richtig ernst und brachte Hamburg mehr und mehr ins Spiel. Die Truppe von Markus Gisdol baute sich darüber zusehends auf – selbst der Ausgleichstreffer in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit und der TSG-Führungstreffer kurz nach Wiederanpfiff vermochte die Hanseaten nicht aus der Spur zu bringen. Am Ende stand ein enttäuschendes 2:2.

So einfach ist das Spiel am Sonntagnachmittag wiederzugeben. Unsere Mannschaft hat sich, meint das, also völlig unnötig um zwei Punkte gebracht. Eine Vielzahl von Chancen auf einen möglichen hohen Sieg blieb ungenutzt, der HSV erkämpfte sich einen am Ende verdienten Punkt. So einfach kann man das sehen. Man kann es aber auch anders sehen…

normal_ug033_3065_201116Doch dazu muss man zugeben, dass wir alle nur Menschen sind; auch die Fußballer, die in den Farben der TSG auflaufen. Und man muss einsehen, dass unsere Mannschaft einen unerwartet grandiosen Start in die Saison hingelegt hat, der zwar viel Potential offenbart, aber eben noch kein erdbebensicheres Fundament darstellt. Im Endeffekt läuft das 2:2 gegen den HSV dann darauf hinaus, dass Hoffenheim eine Lehrstunde in Sachen selbstverliebter Nabelschau erfuhr.

Und das mag ärgerlich sein, ist aber normal, wenn man bedenkt, wir frisch die Mannschaft noch zusammengestellt ist, wie überraschend ihr hohes Spielniveau selbst Gegner wie Bayern München vor Probleme stellt und wie unerfahren sie mit sich selbst ist. Früher oder später war so ein Einbruch darum zu erwarten. Dass es gegen den ohnehin darniederliegenden HSV geschah, der auch noch schwer ersatzgeschwächt angereist war, versieht das Ganze mit einem zwar kuriosen, imgrunde aber logischen Akzent. Denn Fußball spielen können sie alle in der Liga, selbst der HSV, der auch eine Weile brauchte, um aufzuwachen und zu begreifen, welches Wiederauferstehungspotential die TSG da auf dem Silberteller servierte.

normal_ug017_2905_201116Fassen wir zusammen: Wenn eine junge Mannschaft so großartig spielt und kämpft, wie es beim Start in die Saison geschah, dann kann es leicht dazu kommen, dass sie sich irgendwann über- oder den Gegner unterschätzt. Sie braucht dann ein Schockerlebnis bzw. „eins zwischen die Hörner“, wie es Julian Nagelsmann einmal als gelegentliches Aufmunterungsritual in Richtung seines jahrelangen Schützlings Niklas Süle formuliert hat. Und genau das dürfte diese Partie gegen den HSV gewesen sein, die bei annähernd ähnlicher Konzentration wie vor der Länderspielpause mit drei, vier Toren Abstand gewonnen worden wäre.

So jedoch schlägt ein hoffentlich heilsames Remis gegen den Tabellenletzten zubuche, das erstmal zwei Punkte kostet, im Laufe der Saison aber noch unendlich wertvoll werden kann, wenn die Mannschaft die richtigen Lehren daraus zieht und versteht, dass sie einfach noch nicht so weit ist, großartige Spiele aus dem Ärmel schütteln zu können – und umgehend dafür bestraft wird, wenn sie die Zügel schleifen lässt. Die sichtbare Verärgerung von Julian Nagelsmann über die gezeigte Leichtfertigkeit wird ihren Teil dazu beitragen.

normal_ug009_2751_201116Zu hoffen ist auch, dass Kevin Vogt nicht lange verletzt bleibt. Als er mit Adduktorenproblemen in der ersten Halbzeit vom Feld musste, fehlte der Kopf der Defensive – und der Spieleröffnung. Danach schienen besonders Süle und Rudy, der nach guten Länderspielen gern sowohl vor Glanz als auch vor Übermut sprüht, nur noch phasenweise bei der Sache zu sein. Doch die klaffenden Löcher im Mittelfeld, die der HSV irgendwann dankbar annahm, entstanden auch durch die Offensive, die nach den vielen Chancen der Anfangsminuten beim Zurücklaufen etwas zu trödeln begann. In der Summe war es um die mannschaftliche Geschlossenheit geschehen und ging es Hoffenheim wie den Bayern, denen vor zwei Wochen bei allem schlussendlichen Bemühen gegen uns einfach kein Tor mehr gelang… Aber so etwas ist, wie gesagt, nur menschlich!

Fotos: Kraichgaufoto, Uwe Grün

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