Bayerndusel? Koan Tor, koan Dusel!

Alexander Rosen hat nach dem 1:1 in München angesichts der extrem spannenden Schlussphase gesagt, dass einer der beiden Alu-Treffer der Bayern letztes Jahr vermutlich am Innenpfosten gelandet wäre. Und auch Dietmar Hopp, der das Spiel auf den Rängen der Allianz-Arena anschaute, schien sich – vorgebeugt, mit Sorgenfalten auf der Stirn – auf einen Last-minute-Treffer der Bayern vorzubereiten. Der übliche Bayerndusel, dem die TSG in der Vergangenheit schon ein paarmal ausgesetzt war, blieb diesmal aber aus.

Allenfalls wehte ein Hauch von Dusel durchs Stadion, als in der 34. Minute Zuber in eine scharfe Hereingabe von Costa grätschte und den Ball unfreiwillig durch Baumanns Hosenträger in die Maschen beförderte. Doch echter Bayerndusel sieht anders aus, denn hinter Zuber war schließlich Lewandowski frei eingelaufen und hätte den Ball nur noch über die Linie drücken müssen. Oder gegen den Pfosten? Man weiß es nicht, und darum bleibt festzuhalten, dass die Bayern kein einziges ganz und gar eigenes Tor gegen Hoffenheim zu erzielen vermochten.

In der ersten Halbzeit sah es auch nie danach aus, als könnten die Bayern ihre gewohnte Übermacht ausspielen und locker ein, zwei Tore Abstand herstellen. Im Gegenteil, Hoffenheim diktierte hier über weite Strecken das Geschehen, beherrschte die Räume und wirkte unterm Strich einfach souveräner. Der Führungstreffer durch Demirbay in der 16. Minute war der logische Ausdruck davon: Vogt hatte einen langen Ball durch die Mitte gespielt, der auf der linken Seite aber nur deshalb bei Amiri ankam, weil Kramaric ihn leicht und gezielt umlenkte. Doch statt sofort auf den nicht schlecht postierten, wie immer heftig winkenden Wagner zu flanken, wartete Amiri einen Moment und passte den Ball in den Rücken der Abwehr, wo Demirbay frei einlief und mit einem Kunstschuss ins linke obere Eck Torhüter Neuer überwand.

Nach der Pause drückten die Bayern natürlich aufs Tempo und schnürten Hoffenheim hinten fast ein wenig ein. Aber die rechte Bayern-Übermacht wollte sich auch jetzt nicht einstellen, da konnte Arjen Robben dribbeln, wirbeln und fallen, wie er wollte. Und Hoffenheim spielte sich trotz der deutlichen Steigerung der gegnerischen Leistung immer wieder mal frei und machte den Bayern klar, dass sie jederzeit mit einem weiteren TSG-Tor zu rechnen hätten, wenn sie schließlich alles auf eine Karte setzen würden – was den Elan der Bayern durchaus wirkungsvoll einbremste. Das alles entscheidende Unterpfand unserer Mannschaft war jedoch, dass die Dreier-Innenkette, in der zweiten Halbzeit mit Bicakcic statt Hübner, nicht wankte, dass zudem die gesamte Mannschaft aufopferungsvoll verteidigte und insgesamt 123 Kilometer abspulte – der bisherige Liga-Spitzenwert der Saison!

Trotzdem hatte man nie den Eindruck, als würde Hoffenheim demnächst die Motivation oder die Kraft ausgehen. Im furiosen Endspurt kam es infolgedessen hüben und drüben zu Torchancen, die wegen der Alutreffer seitens der Bayern vielleicht etwas substantieller ausfielen. Insgesamt jedoch fehlte den Stars von der Isar nicht nur die mannschaftlich-taktische Geschlossenheit, die sie unter Pep Guardiola so stark gemacht hat, sondern auch die Hoffenheimer Bereitschaft, sich untertänig zu ergeben! Ancelotti gewährt den Bayern mehr Freiraum und verlagert den Fokus von der taktischen Disziplin hin zur individuellen Verantwortung. Einstweilen wissen die eben noch straff geführten Stars wenig damit anzufangen.

Fürs Gesamtbild ist das halb verdiente und, wenn man ehrlich ist, halb auch glückliche Remis in München ein Segen. Hoffenheim hat den Bayern mutig die Stirn geboten, ist immer noch ungeschlagen und bleibt weiter frei von jenem an Hysterie grenzenden Medienrummel, der im Falle eines möglichen Siegs über die TSG hereingebrochen wäre. Für unsere immer noch relativ unerfahrene Mannschaft ist es besser, im Windschatten jener Bayernjäger-Diskussion zu segeln, die jetzt auf Leipzig einprasselt. Auf Platz 3 der Tabelle liegend, punktgleich mit der Hertha, sieht die TSG-Fußballwelt ja auch nicht gerade übel aus. Soll sich RB Leipzig damit herumschlagen, dass von jetzt an alle (Kamera-)Augen auf jeden Schritt und Tritt der Spieler und Verantwortlichen gerichtet sind!

Deine Meinung zum Artikel: