Wat saachste zu Hertha?

Pal Dardai, der ebenso sympathische wie erfolgreiche Hertha-Trainer, wirkte ungewohnt dünnhäutig und fast ein bisschen angefressen nach der Niederlage seiner Mannschaft. Kein Wunder eigentlich, denn in Sachen Taktik hatte ihm Jungspund Nagelsmann eben den Rang abgelaufen. Vor dem Spiel war der Berliner Übungsleiter noch ziemlich zuversichtlich gewesen und hatte viel von Variabilität sowie Plan A und Plan B seiner Mannschaft gesprochen.

Doch nach 90 Spielminuten war die Hoffnung der Hertha auf einen weiteren Saisonsieg beinahe krachend gescheitert. Nicht der Höhe nach – so ein 1:0 ist ein mageres Ergebnis –, sondern vom Spielverlauf her, denn Berlin war nur in den Anfangsphasen der beiden Halbzeiten halbwegs drin in der Partie. Nach zuerst 15 und später 10 Minuten hatte Hoffenheim jeweils das Zepter übernommen und die Hertha mit präzisem Ballbesitz-Spiel und taktischer Überlegenheit mehr oder weniger aus dem Spiel genommen.

normal_ug094_6465_301016„Wat saachste‘n eijentlich zu Hertha?“ lautet eine der häufigsten Fragen, die früher oder später gestellt wird, wenn echte Berliner gesellig zusammenkommen. Außer in den eher kurzen Glanzzeiten von Torhüter Groß, Patzke, Sidka, Marcelinho, Kliemann, Friedrich oder dem legendären Ete Beer legte der Berliner seine Stirn gewöhnlich in Sorgenfalten. Mit Pal Dardai, früher selber Hertha-Spieler, hat sich daran viel geändert – und in Sinsheim sollte jetzt der nächste Erfolgsschritt getan werden.

Das Problem der Hertha war jedoch, dass sie sich von Hoffenheim auseinanderziehen ließ. Dadurch wurden die Räume zwischen den Spielern zu groß, Berlin konnte nicht wie gewohnt kombinieren, obwohl es in den ersten Spielminuten noch danach aussah, als würde Hertha BSC die Partie dominieren, mit hohem Pressing, mit Raumbeherrschung im Mittelfeld, mit schnellen Kontern aus sicherer Abwehr. Nach 20 Minuten hatte sich das Spiel indessen wie von Zauberhand gedreht, Berlin wirkte auf einmal hilflos und stand immer tiefer, während Hoffenheim den Ball zirkulieren ließ.

normal_ug014_5780_301016Was war geschehen? Genau das, was schon in Leverkusen und über weite Strecken auch in Köln so gut funktioniert hatte, dass man sich die Augen rieb: Hoffenheim hatte über gelassenen Ballbesitz-Fußball, variabel über die gesamte Breite des Spielfelds hinweg, das Berliner Konzept förmlich in Luft aufgelöst – und ging dann erst daran, geduldig die Früchte für die immer erdrückendere Überlegenheit auf dem Rasen zu ernten. Diesmal war es Niklas Süle, der mit einem wahren Kopfballtorpedo ins Tor traf, nach einem feinen Freistoß von Demirbay. Dessen bei uns sichtbar werdenden Ballkünste müssen den Hamburger Verantwortlichen die Tränen in die Augen treiben, nachdem sie ihn im Sommer für kolportierte 1,8 Mio. € an die TSG abgegeben haben (ähnlich wie es wohl Markus Gisdol, dem Hamburger Neutrainer, ergangen sein wird, als der von ihm etwas verkannte Modeste den HSV im Anschlussspiel mit drei Toren fast im Alleingang versenkte…).

normal_ug077_6274_301016Die neue Hoffenheimer Ballbesitzkultur ist also das Herz des Erfolgs, der uns inzwischen auf Platz 3 der Tabelle geführt hat. Damit unterscheidet sich die TSG wesentlich von der reinen Umschalttaktik der meisten anderen Vereine, auch der Hertha, und hat nur leider etwas an Torgefährlichkeit eingebüßt. Glücklicherweise fehlt es aber nicht an Torchancen, die auch diesmal wieder für drei, vier weitere Tore gut waren. Es ist kaum auszudenken, wie euphorisch die Stimmung wäre, wenn unsere Spieler ihre irritierende Unsicherheit vor dem Tor ablegen und ständig hohe Siege einfahren würden.

Für den Moment ist das jedoch gar nicht so schlecht. Denn ein euphorischer Taumel ist der sicherste Weg zum Hinfallen – und wer will das schon? Viel zukunftsträchtiger ist es, die neu erworbene Ball- und Spielkontrolle zu verstetigen und auszubauen und im nächsten Schritt auch die Umsetzung vor dem Tor zu steigern. Die Spielweise von Julian Nagelsmann scheint jedenfalls über die Maßen gut zu greifen, sehr zum Verdruss von Pal Dardai.

normal_ug136_6895_301016Und keiner unserer Spieler lässt in Interviews die taktischen Pläne unerwähnt, die der Trainer ihnen zu jedem Spiel an die Hand gibt. Daraus hat sich nach inzwischen neun Spieltagen ein Netzwerk von Erfolg bringenden Bezügen in den Köpfen und auf dem Rasen etabliert, das mindestens jene sorgenfreie Saison verspricht, von der man vorher nur träumen durfte! Wenn mehr daraus wird, ist es schön – aber man sollte die Mannschaft nicht mit Erwartungen überfrachten, gerade nicht vor dem jetzt folgenden Spiel gegen die Bayern.

Fotos: Kraichgaufoto, Uwe Grün

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