„Abseitsfalle spezial“ in Köln

Man rieb sich etliche Male verwundert die Augen in diesem an außergewöhnlichen Momenten reichen Pokalfight. Einmal zu Beginn der Verlängerung, erst recht an ihrem Ende und sowieso 25 Minuten lang zu Beginn der Partie – sowie in der 36. Minute. Eher verärgert als verwundert müssen sich allerdings Hoffenheims Busfahrer und Zeugwart die Augen gerieben haben, als am Morgen des Spiels die Nummernschilder am Mannschaftsbus fehlten. Deppen (offiziell: Unbekannte) hatten sie in der Nacht südlich von Bonn geklaut, wo die Vorhut der TSG übernachtete. Die Polizei erlaubte die Weiterfahrt aber auch ohne Schilder…

Mit Rupp für den pokalgesperrten Kaderabek, sonst gegenüber dem Spiel in Leverkusen unverändert, betrat die TSG den Rasen des gut gefüllten, wie immer etwas überdrehten, alsbald dümmliche Fangesänge gegen Dietmar Hopp intonierenden Rhein-Energie-Stadions. Die Hoffenheimer Antwort darauf bestand in ruhigem, abgeklärtem Fußball, der die Kölner Elf vor einige Probleme stellte, zumal sich selbst Hoffenheims Defensive in die Angriffe einschaltete. Und so zog in der 8. Minute nach einer Standardsituation Niklas Süle einfach mal eine Flanke von rechts in die Mitte und suchte und fand Hübner, der den Ball per Aufsetzer im Netz versenkte.

Was dann folgte, war atemberaubend, war fast sensationell. Hoffenheim ließ den Ball im Stil einer Spitzenmannschaft frei rotieren und war gnadenlos überlegen: Köln bekam keinerlei Zugriff aufs Spiel. Das ging eine halbe Stunde lang so, der Lärmpegel im Stadion schwoll ab, die Geißböcke wurden beinahe schon vorgeführt – nur fehlte mehr und mehr der klare Zug zum Tor. Stattdessen schlichen sich hier und da Fehlpässe ein, die Köln allmählich zurück ins Spiel brachten. Großartig Torgefahr erwuchs daraus aber nicht, Baumann hatte nicht viel zu tun.

Als die Partie wieder halbwegs ausgeglichen verlief, kam in der 36. Minute der große Moment des Marcel Risse. Der Kölner feuerte einen angetippten Freistoßball aus deutlich über 30 Metern Entfernung mit derartiger Gewalt und Präzision von halblinks aufs Hoffenheimer Tor, dass die zudem noch flatternde Flugbahn zu keinem Moment mit Oliver Baumanns Abfangversuch zusammentreffen konnte – vielmehr schlug der Ball über und hinter ihm ins Netz ein. Der beneidenswerte Schütze gestand später, dass ihm derlei manchmal im Training, aber noch nie in einem regulären Spiel geglückt war.

Bis zur Halbzeitpause geschah nicht mehr viel – danach zunächst ebenfalls nicht. Die Kölner Elf, vom wieder frenetischen Publikum angefeuert, erlangte für eine Weile optisches Übergewicht, doch gewann Hoffenheim alsbald die vorherige Pass- und Ballsicherheit zurück und erspielte sich, wie Köln gelegentlich auch, immer wieder Chancen, ohne wirklich torgefährlich zu werden. In der 65. Minute kam Toljan für Rupp, der auf der rechten Seite verschlissen worden war, und verstärkte das offensive Moment der TSG.

Je näher das Ende der regulären Spielzeit kam, desto weniger Risiken ging Köln ein, während Hoffenheim, jetzt wieder feldüberlegen, zu einer Art kontrollierter Schlussoffensive blies. In der 85. Minute bekam Amiri die Gelegenheit, das Spiel zu entscheiden, Kramaric hatte ihn freigespielt. Doch statt den Ball zur Seite zu geben, wo Wagner frei stand, versuchte Amiri im Wegrutschen noch selber zu schießen, was ihm – vorhersehbar – ziemlich misslang. Kurz darauf wurde er durch Vargas ersetzt. Und ein paar Augenblicke später pfiff Schiedsrichter Fritz die Partie ab: Verlängerung…

Kaum war die nächste halbe Stunde in Gang gekommen, lag Köln schon in Führung, nur dass der Treffer zum 2:1 irregulär war. Was war geschehen? Olkowski hatte die noch nicht ganz wieder im Wettkampf angekommene rechte Seite der TSG im Alleingang ausgespielt und scharf nach innen geflankt, wo Vogt den Ball leicht berührte und damit Baumanns Abwehrversuch neutralisierte. So gelangte der Ball zu Modeste, der ihn über die Linie schob. Aus eigentlich klar erkennbarer Abseitsposition!

Es dauerte ein paar Minuten, bis unsere Mannschaft diesen Nackenschlag verdaut hatte. Dann nahm sie das beeindruckend kontrollierte Fußballspielen wieder auf und wurde, weil Köln einen groß gewachsenen Innenverteidiger einwechselte, durch Adam Szalai verstärkt – und gewann Zug um Zug die Oberhand. Die daraus erwachsenden halben Torchancen wurden aber alle hastig vergeben, vor allem durch Vargas, bis nach dem erneuten Seitenwechsel nur noch wenige Minuten blieben.

Köln war inzwischen stehend k.o., hatte viel mit Krämpfen zu tun und gab sich Mühe, die dadurch entstehenden Pausen möglichst zu verlängern. Hoffenheim schien körperlich weitgehend intakt und warf alles nach vorn, um wenigstens das Elfmeterschießen zu erzwingen. Zwei Minuten Extrazeit gewährte Schiedsrichter Fritz noch – lange Bälle wurden jetzt in die Spitze geschlagen. Einen davon konnte Wagner in der letzten Szene des Spiels auf Szalai ablegen, der den Ball unter die Latte ins Netz knallte. Nur stand es weiterhin 2:1 für Köln! Genau jener Linienrichter, der schon das erkennbare Abseits von Modeste übersehen hatte, erkannte nun ein Abseits, wo keines war.

Natürlich hilft es nichts, sich im Nachhinein über solche fehlerhaften Momententscheidungen zu erregen. Schade ist es aber allemal, dass dadurch unsere Mannschaft, die ein Elfmeterschießen mehr als verdient gehabt hätte, schmerzhaft benachteiligt wurde. Nehmen wir trotzdem positiv mit, was sich in dieser großartigen Partie an Eindrücken aufdrängte: Hoffenheim spielt einen immer reiferen Fußball, der atemberaubende Phasen hervorbringt. Dass es zur vollen Überlegenheit über 90 Minuten noch nicht langt, liegt daran, dass die Mannschaft vergleichsweise frisch zusammengestellt ist. Dass sie dennoch schon so beeindruckend weit ist in der Entwicklung, macht Mut – und man darf diese Entwicklung ohne Übertreibung als sensationell bezeichnen!

Deine Meinung zum Artikel:
Alexander H. Gusovius