Reifeprüfung in Leverkusen

Minus mal Minus macht Plus, lautet eine mathematische Regel, die in abgewandelter Form auch im Fußball zu gelten scheint, wenn man an die roten Karten von Kevin Volland und Roger Schmidt denkt. Andererseits ist das Drei-Punkte-Plus der TSG nach Ende der Partie in Leverkusen nicht nur auf die missglückten bzw. unrühmlichen Auftritte dieser beiden zurückzuführen, sondern vor allem auch auf einen beeindruckend besonnenen Auftritt der TSG selbst. Dass es am Ende 0:3 stand und Leverkusen förmlich demontiert worden war, ist – wie Rudi Völler hernach besorgt zu bedenken gab – jedenfalls kein Zufall.

Wie zu erwarten bot Leverkusen in der Spitze Kevin Volland auf, einerseits um den angeschlagenen Chicharito oder auch Kießling zu schonen, andererseits um seine exzellenten Kenntnisse der Hoffenheimer Spielweise produktiv zu nutzen. Man macht derlei ja gern: Ex-Spieler blühen gegen ihre Ex-Klubs regelmäßig auf, Benjamin Hübner z.B. ist gegen seinen Ex-Verein Ingolstadt zum ersten Ligaeinsatz gekommen und steht seither in der Startaufstellung. In Sachen Volland ging die Kalkulation jedoch gründlich daneben. Die erwünschte, besonders hohe Motivation erwies sich nach wenigen Minuten als fatale Übermotivation.

Denn Vollands konfuser, einsamer Sprint Richtung eigenes Tor, als Demirbay infolge eines kläglichen Ballverlusts nach indirekt ausgeführter Ecke steil auf Leno ging, mündete in der 5. Minute in einen Ausfallschritt oder auch Ausfalltritt samt anschließendem Beinrempler, so dass Demirbay zuboden ging und Schiri Dankert gar nicht anders konnte, als Volland die rote Karte zu zeigen. Der eher unglückliche Beginn seiner Karriere als Leverkusener Spieler war um einen negativen Höhepunkt reicher – was einem leidtun konnte und Trainer Nagelsmann auch dazu brachte, den Unglücklichen abzuklatschen, als er vom Feld ging.

Es war wohl nicht diese vertraut-sympathische Geste, die Gästetrainer Schmidt später so sehr in Rage bringen sollte, dass auch er des Feldes verwiesen wurde. Daran war eher der weitere Spielverlauf schuld. Denn Hoffenheim ging derart souverän, ruhig und abgeklärt mit der Überzahl auf dem Feld um und spielte die immer hilflosere Werkself bis auf ganz wenige Momente derart an die Wand, dass Roger Schmidt irgendwann der gesamte, schwer verkorkste Ligastart auf die Stimmung schlug und ihn reizbar machte. Zuvor hatten Demirbay und kurz nach Beginn der zweiten Halbzeit Wagner die TSG in Führung gebracht, und es sah inzwischen kein bisschen mehr danach aus, als könnte die Werkself (trotz der inzwischen eingewechselten Kießling und Chicharito) irgendetwas daran ändern.

Es war wirklich beachtenswert, wie umsichtig Hoffenheim agierte. Anstatt mit aller Macht auf Tore zu dringen und am Ende in Leverkusener Konter zu laufen, die ja auch in Unterzahl gefährlich zuende zu spielen sind, ließ unsere Mannschaft den Ball rotieren und wartete geduldig auf Chancen, die sich bald auch ergaben – je länger, je mehr, weil die im Sturm mittlerweile verstärkte Werkself in Mittelfeld und Defensive weite Räume freigab. Mitte der zweiten Halbzeit platzte Roger Schmidt dann der Kragen, als nach einem Foul an Süle in Nähe der Trainerbänke Julian Nagelsmann protestierend aufgesprungen war, und entlud seinen Frust in einer Kaskade von beleidigenden Äußerungen, die Nagelsmann wenig beeindruckten, den Schiedsrichter dafür umso mehr.

War der Platzverweis berechtigt – worüber ganz Fußballdeutschland diskutiert? Ganz klares ja! Es ist eine Sache, dass im Fußball hier und da auch mal weniger zitierfähige Worte fallen. Eine andere ist es, so etwas derart aggressiv und fernsehöffentlich zu tun. Und zwar deshalb, weil letzteres die absichtsvolle Herabwürdigung des Beleidigten multipliziert. Nur dass die wütende Schmähung doppelt ins Leere lief, weil sich Julian Nagelsmann einerseits zu keiner spontanen Replik provozieren ließ und nach dem Spiel andererseits auch noch großmütig darüber hinwegsah. Für unseren jungen Trainer war das eine ebenso glanzvoll bestandene Reifeprüfung, wie es der abgeklärte Sieg für seine Mannschaft war, die durch Zubers Tor noch einen Schlag Sahne auf den Erfolg legte.

Im Augenblick resultiert Platz 4 aus dem Sieg in Leverkusen. Das sieht sehr schön aus, ist aber weit weniger belastbar als die stetige Entwicklung, die unsere Mannschaft aufweist. Der augenblickliche Tabellenplatz ist deshalb nur eine frühe Dreingabe. Wirklich ermutigend nach erst acht Spielen ist jetzt schon die Geschlossenheit der Mannschaft auf dem Rasen, dazu ihre taktische Reife, was über zweifellos noch ausstehende Niederlagen hinwegtragen wird. Für den Moment reicht es völlig aus, zu wissen, dass diese Mannschaft auf gar keinen Fall eine desolate Saison spielen wird – und dass Bayer Leverkusen die Punkte diesmal nicht wie gewohnt abräumen konnte!

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Alexander H. Gusovius