Viele Chancen gegen die Schanzer

Zu den schwierigsten Kapiteln im Fußball gehört die Erwartungshaltung. Jenseits der sportlichen Herausforderung, die sowieso nicht gering ist, geht es beim Kampf auf dem grünen Rasen vor allem um einen meist hohen Erwartungsdruck, der sowohl von innen als auch von außen auf die Mannschaften einwirken kann. Beim Spiel von Hoffenheim in Ingolstadt war das exemplarisch zu beobachten.

Im Einzelnen sah es so aus: Ingolstadt musste unbedingt gewinnen, wusste aber allzu gut, dass die Tore eher in der Gegenrichtung fallen. Dieses Wissen, Tore schießen zu sollen und verhindern zu müssen, um nicht vollends im Tabellenkeller anzukommen, hat den Druck von innen und von außen auf die Mannschaft extrem vermehrt. Der Druck, der auf Hoffenheim lastete, war dagegen eher selbstgemacht. Man wollte unbedingt gewinnen, um das gute Gefühl vom Sieg gegen Schalke in eine belastbare Aufwärtsentwicklung umzuwandeln – im Wissen, dass man als Mannschaft mehr kann als ein Remis nach dem andern zu produzieren.

Im Endergebnis landete Ingolstadt auf dem 17. Tabellenplatz, Hoffenheim auf Platz 7. Was war geschehen? Ingolstadt war wie erwartet stürmisch in die Partie gegangen, ohne unsere Mannschaft vor echte Probleme zu stellen, und würde noch mehr Tempo und Risiko nicht gehen können. Die TSG musste nur abwarten und die sich sicher bald bietenden Gelegenheiten nutzen – und tat das gleich in der 11. Minute, als Kramaric mit einem wunderschönen Pass quer durch die gegnerische Abwehr Wagner suchte und fand, der den Ball über die Linie drückte.

Damit war der Druck auf Ingolstadt noch größer. Mit dem Mut (und der Schwäche) der Verzweiflung gingen die Schanzer immer wieder tapfer nach vorn, kassierten jedoch in der 35. Minute den nächsten Nackenschlag. Demirbay, der erneut grandios aufspielte, zog von der Strafraumkante aus ab und erzielte das 0:2. Nach der Pause bot sich das gleiche Bild: Ingolstadt drückte nach vorn und sah sich einer ganzen Reihe von Kontern ausgesetzt, die leider allesamt ungenutzt blieben. Vor allem Kramaric, der wieder lief und ackerte und ständig großartige Impulse setzte, hätte man gewünscht, einen der vielen Hochkaräter zu verwandeln. Dass mehr nicht entstand, lag vielleicht auch daran, dass Hoffenheim in der zweiten Halbzeit zwei Ausfälle zu kompensieren hatte: Erst musste Demirbay in der 53. Minute verletzt aufgeben, dann in der 70. Minute der für ihn eingewechselte Amiri – so dass die kreative Zentrale fast über 45 Minuten geschwächt blieb.

Denn Trainer Nagelsmann brachte für Amiri nicht etwa Vargas, um die Offensive nochmal anzukurbeln, sondern Polanski – eine kluge Entscheidung, nachdem Ingolstadt weiter bemüht war, den Anschlusstreffer zu erzielen, und weil Rudy seinen defensiven Part diesmal nicht ganz so hellwach versah wie beim letzten Mal. Möglicherweise stand auch er, nach seiner erneuten Nominierung für die Nationalmannschaft, unter erhöhtem Druck, und wollte sich unbedingt beweisen, was ihm so wenig gelang wie eben Ingolstadt. In den letzten Spielminuten konnte es einem nochmal mulmig werden: Ingolstadt hatte jetzt nichts mehr zu verlieren und kam dem Anschlusstreffer immer näher. Hoffenheim schaukelte den Sieg aber nachhause, letztlich dank der stabilen Defensive, die von ihrem an der Seitenlinie sehr präsenten Trainer ebenso wirkungs- wie absichtsvoll wild gestikulierend unterstützt wurde. Alles in allem war der Sieg hochverdient, aber kein Glanzsieg, was auch der eher unberechtigte Handelfmeter kurz vor Schluss von Ingolstadt unterstrich, der das knappe Endergebnis von 1:2 herstellte.

Für die Aufwärtsentwicklung unserer Mannschaft war das knappe Ergebnis jedoch vielleicht von Vorteil. Noch wirkt sie nicht gefestigt genug, um den Erwartungsdruck, der aus der Euphorie über hohe Siege immer folgt, produktiv verarbeiten zu können. Bestimmt ist es besser, wenn sie erstmal weiter daran arbeitet, die eigene Erwartungshaltung zu befriedigen. Und mit Demirbay, Vogt, Kaderabek und Kramaric haben sich vier echte Säulen entwickelt, auf die sie sich stützen kann. Wenn man dazu noch all die andern sieht, von Zuber über Vargas, von Ochs bis Terrazzino, von Süle über Bicakcic bis zu Hübner, der seinen ersten Einsatz im TSG-Trikot gegen seine ehemalige Mannschaft sehr gut bestritt, dann kann das eine richtig gute Saison werden. Wenn der Erwartungsdruck nicht zu hoch wird…

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Alexander H. Gusovius