Das Gesicht der TSG

Endlich! Der erste Hoffenheimer Heimsieg und damit der erste Saisonsieg ist geschafft… Drei Punkte mehr auf dem Konto hieven die TSG in die erste Tabellenhälfte auf Platz 9. Bei einem weiteren Remis oder einer Niederlage wäre Platz 13 oder 14 zubuche geschlagen.

Nicht dass der Tabellenplatz schon viel Aussagekraft hätte, dafür ist die Saison noch zu jung. Aber es macht einen Unterschied, ob man nach Punkten Kontakt hat zu Platz 7 oder Platz 15. Allein für das nächste Spiel gegen Ingolstadt ist es von gar nicht so geringer Bedeutung, dass man auf diese Weise kaum das Gefühl haben dürfte, unbedingt gewinnen zu müssen. Und gewinnt sich leichter, wenn man nicht muss…

normal_ug051_7107_250916Andererseits: Wenn man bedenkt, wie Hoffenheim die frühe Führung der Schalker mit einer Willens- und Qualitätsoffensive bereits zur Halbzeit umgedreht hatte, wenn man dann noch an die Aufholjagd in Mainz denkt, wo es nach 4:1 am Ende 4:4 stand, dann fragt man sich doch ein bisschen, ob unsere Mannschaft nicht sogar besseren Fußball spielt, wenn sie zurückliegt. Die Führungen gegen Leipzig und Darmstadt wurden jedenfalls kurz vor Spielende hergegeben. Allerdings hat die TSG die Führung zur Halbzeit gegen Schalke nicht aus der Hand gegeben.

Hin und her überlegen kann man viel. Manchmal kommen dabei verdeckte Erkenntnisse zum Tragen, manchmal deckt man damit auch nur das Nächstliegende zu – und immer braucht es Zeit dafür. Das Spiel gestern war aber zum Beispiel keines, das viel Zeit zum Überlegen gelassen hätte. Sondern es war der erwartete, heiße Tanz. Und die Gäste waren bis zum Schlusspfiff nach insgesamt 95 Minuten gefährlich nah dran am Ausgleich und hätten vielleicht sogar einen Handelfmeter in letzter Sekunde bekommen können: Demirbay flog der Ball aus kurzer Distanz an den Unterarm, der jedoch schlaff herunterhing. Für sowas gibt es indessen den Begriff ‚unabsichtlich‘, also gab es zurecht keinen Elfer.

normal_ug094_7624_250916Zwischen der frühen Führung der Schalker in der 4. Minute und dem nicht gegebenen Handelfmeter war jede Menge los. Hoffenheim spielte ohne Wagner, der anscheinend wegen Knöchelproblemen fehlte, und bot mit Süle, Vogt und Bicakcic eine Dreier-Innenkette auf, vor der ein defensiver Rudy diszipliniert agierte. Rechts und links standen die offensiv orientierten Außenverteidiger Toljan und Kaderabek, im Mittelfeld zogen Rupp und Demirbay die Fäden, die offensiven Spitzen bildeten Uth und Kramaric. Und man muss sagen, dass diese Formation in ihrer Flexibilität und Agilität wirklich überzeugte. Sie verlieh der TSG 1899 Hoffenheim viel Durchschlagskraft und hohe Dynamik, sie gab der TSG ein Gesicht!

normal_ug005_6682_250916Sichtbare Tatsache war jedenfalls, dass Schalke nach der Führung kaum noch frei zum Kombinieren kam. Alle Anspielstationen waren im Raum verstellt bzw. zugelaufen, weshalb der Ball bei den Gästen oft hintenherum rotierte und irgendwann steil ins Leere oder riskant nach vorn ging, so dass die TSG wiederholt zu gefährlichen Kontern ansetzen konnte. Zwei Tore vor dem Halbzeitpfiff waren der Lohn dafür, eines nach Flanke von Kaderabek per Kopf durch Kramaric, der ebenso überzeugte wie der Passgeber zum 2:1, Demirbay, der beeindruckend aufspielte. In den ersten Minuten schien er noch ein bisschen überrascht davon, dass er in dieser Partie Regie führen konnte. Als er die Nervosität abgelegt hatte, wurde er zu einem großartigen Spielgestalter.

Die zweite große Entdeckung des Spiels war Vogt, der in der Mitte der Dreierkette stand und sowohl als defensiver Part wie in der Spieleröffnung glänzend aufgelegt wirkte. Der schmale Riese spitzelte, köpfte und grätschte alles weg, was in seine Nähe kam, wirkte ordnend und beruhigend auf die Mannschaft ein und überraschte den Gegner mit plötzlichen Tempoverschärfungen. Schär, der schon vor der Halbzeitpause für den umgeknickten Bicakcic kam, konnte da nicht mithalten, hatte aber auch helle Momente, während Süle gewohnt unaufgeregt und souverän erst rechts, dann links in der Kette seine Arbeit verrichtete.

normal_ug021_6824_250916In der zweiten Halbzeit musste auch Uth verletzt aufgeben, für ihn kam Amiri, kurze Zeit später Vargas für  Rupp – beide vermochten die Lücken nicht adäquat zu schließen. Trotzdem brachte die TSG einen nervenzerreißend gefährlichen Konter nach dem andern vors Tor von Fährmann, ohne leider den Sack zuzumachen. So blieb bis zum Schluss die ebenso nervenzerreißende Frage, ob es Schalke mit einem lucky punch doch noch gelingen würde, den eher unverdienten Ausgleichstreffer zu landen. Aber eine aufopferungsvoll kämpfende TSG ließ sich den ersten Dreier der Saison nicht mehr nehmen – von Demirbay angeführt, aber diesmal nur noch symbolisch, der angeschlagen in den letzten Minuten wegen des ausgeschöpften Wechselkontingents nicht mehr ersetzt werden konnte und nur noch über den Platz humpelte, aber wie die gesamte Mannschaft nie aufgab.

normal_ug016_6787_250916Und noch ein Mitspieler verdiente sich Bestnoten – die Fans! Schalke hatte den Gästeblock bis auf den letzten Platz gefüllt und drohte zu Beginn der Partie, die fast ausverkaufte Arena stimmlich zu beherrschen und ein Schalke-Heimspiel daraus zu machen. Aber die Fans zogen sofort nach und gaben stimmlich derart Gas, dass die mächtigen Schalker Gesänge kaum noch durchdrangen – über die gesamte Partie hinweg. Für unsere Mannschaft war das eine enorme Stütze.

Fotos: Kraichgaufoto, Uwe Grün

Deine Meinung zum Artikel: