El Plastico?

Der Bundesliga-Spielplan hatte zum Auftakt der Saison eine ganz besondere Paarung angesetzt: TSG 1899 Hoffenheim vs. RB Leipzig. Schnell war für diese Begegnung der zwei nicht-traditionsgeladenen Klubs ein Name gefunden: „El Plastico“, in abschätziger Anlehnung an „El Classico“, das Gipfeltreffen im spanischen Fußball zwischen Barcelona und Madrid. Was es dann zu sehen und zu staunen gab, war allerdings alles andere als „Plastik“!
In der Rhein-Neckar-Arena, urlaubsbedingt mit 24.000 Zuschauern nicht ganz gefüllt, sollte nämlich eine der besten Partien des Spieltags geboten werden; vor allem in der zweiten Halbzeit ging es auf beiden Seiten ebenso schnell wie riskant nach vorn. Für ein echtes Highlight sorgten jedoch auch die Spruchbänder unserer Fans in der Südkurve, deren spitzfindiger Humor denn auch allenthalben gewürdigt wurde – das ewige stumpfe, hasserfüllte Andröhnen der Traditionalisten gegen unseren Verein und jetzt auch RB Leipzig ist wohl noch nie so glanzvoll entkrampft worden.

normal_ug094_8131_280816Eine Auswahl der besten Sprüche: „Wir wollen auf den Thron zurück – Deutschlands meistgehasster Verein – TSG 18,99€ Hoppenheim / Jetzt müssen wir uns schon selber dissen / Den Fußball zerstört nur einer – Hoffe und sonst keiner / Nur noch Sandhausen hasst uns wie früher / Gebt uns unseren Hass zurück / Kommerzverein kann nicht jeder sein – Scheiß RBL…“
Besser kann man’s nicht machen. Sich selber auf die Schippe nehmen und damit den Beleidigungen komplett den Boden entziehen. Und zugleich Stärke und Humor beweisen. Fatal wäre es gewesen, hätte man versucht, sich der vorurteilsgeladenen Verachtung von RB Leipzig anzuschließen. Da stört es auch nicht, wenn „Scheiß RBL“ auf den Spruchbändern auftauchte: zum Fanwesen gehört die ebenso herzliche wie herzhafte Abneigung anderen Vereinen gegenüber, und das betrifft natürlich auch Leipzig. Immerhin haben die roten Bullen es ja geschafft, uns zwei Punkte wegzunehmen. Das muss man nun wirklich nicht mögen, selbst wenn man zugeben kann, dass dieses 2:2 nach einer beiderseits rauschhaften, zweiten Halbzeit mehr als angemessen war.

normal_ug028_7650_280816Anfangs sah es noch so aus, als würde Leipzig von uns an die Wand gespielt – Trainer Nagelsmann trauerte später denn auch den dort ausgelassenen Mega-Chancen etwas hinterher. Tatsache war jedoch, wie es Trainer Hasenhüttl ausdrückte, dass RB anfangs nur zu viel Respekt vor dem hohen Niveau in der Bundesliga hatte und sich dann aber ziemlich schnell in die Verhältnisse einfand. So kam es, dass Leipzig bald das spielte, was eher von Hoffenheimer Seite zu erwarten war: intelligentes Räume verdichten, den Gegner kommen lassen und abfangen – und dann schnellstmöglich nach vorn, durch die gelichteten Reihen des Gegners…
Unsere TSG wusste für den Rest der ersten Halbzeit wenig damit anzufangen. Rudy und Rupp störten sich im Mittelfeld mehr, als dass sie einander ergänzten, Ochs kam als hochstehender, offensiver Außenverteidiger kaum je zur Geltung, auch wenn fast alle Angriffsversuche über seine linke Seite gingen. Kaderabek blieb weitgehend beschäftigungslos, außer wenn Leipzig nach vorn ging, was ein ums andere Mal das beherzte Eingreifen von Oliver Baumann erforderlich machte. Süle, kaum zurück aus Rio, schien noch nicht ganz wieder auf der Höhe seines Schaffens angekommen.

normal_ug088_8110_280816In der zweiten Halbzeit lief es besser. Schwegler war für Vogt gekommen, Rudy und Rupp teilten sich effizienter in ihre Rollen, Kramaric und Uth arbeiteten viel nach vorn und nach hinten. Leipzig geriet jetzt wieder mehr unter Druck und lag nach einem Geschoss von Rupp aus halber Distanz alsbald im Rückstand. Unsere Mannschaft wiederum wähnte sich am Ziel, ließ locker und kassierte umgehend den Ausgleich. Danach gab es ein unglaublich schnelles Hin und Her, beide Mannschaften zeigten ihr offensives Gesicht – bis Leipzig unvorsichtig den Ball verlor, Rudy einen Solo übers halbe Spielfeld hinlegte und Uth als Vollstrecker genial aufs letzte Stück der Reise schickte, so dass Hoffenheim knapp zehn Minuten vor Spielende (inkl. Verlängerung) wieder in Führung lag.

normal_ug097_8145_280816Diesmal dauerte es etwas länger, aber nicht viel, bis Leipzig zurückschlug. Erneut war unsere (um Amiri und Terrazzino inzwischen nicht wirklich verstärkte) Mannschaft überzeugt, den Aufsteiger in die Schranken gewiesen zu haben, ließ es gleich wieder lockerer angehen und bekam dafür in der 90. Minute die Quittung in Gestalt eines höchst unnötigen, aber aufgrund der vielen guten Chancen von Leipzig völlig verdienten Ausgleichstreffers – was mancherseits als Rückfall in überwunden geglaubte Zeiten gewertet wurde, als Hoffenheim in unschöner Regelmäßigkeit Punkte in der Schlussphase herschenkte.

Vor einem Jahr und mehr waren dafür jedoch nicht zuletzt konditionelle Gründe ausschlaggebend gewesen. Davon war diesmal, trotz der Hitze, absolut nichts zu spüren. Die Mannschaft ist physisch perfekt auf den Ligastart vorbereitet. Wenn es denn ein Rückfall war, dann einer, der eher in Richtung Sorglosigkeit weist: die seitens der TSG immer mal dann einsetzt, wenn sie von sich selbst allzu angetan ist und darüber vergisst, dass der Gegner in Sachen Spielausgang ebenfalls ein Wörtchen mitreden kann. Insofern hat das späte Remis auch sein Gutes, indem es gleich zu Beginn der Saison klarmacht, dass die Bäume nicht einfach so in den Himmel wachsen…

Fotos: Kraichgaufoto, Uwe Grün

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Alexander H. Gusovius