Klare Verhältnisse

Die Sensation fand nicht statt. Zu keinem einzigen Zeitpunkt gelang es dem niedersächsischen Regionalligisten, auch nur anzudeuten, die TSG aus dem Pokal werfen zu können: Hoffenheim kam, sah und siegte, standesgemäß, wie man gern sagt. Langweilig war das Spiel trotzdem nicht.

Speziell in der zweiten Halbzeit, als Hoffenheim bereits mit vier Toren vorne lag, sorgte die anhaltend hohe Konzentration unserer Mannschaft dafür, dass die Partie sehenswert blieb – außerdem rang sich dann endlich auch der Gegner zu gefährlichen Vorstößen durch. Am nächsten kamen die Niedersachsen dem ersehnten Ehrentreffer in der 57. Minute, als Baumann aus Gründen weitestgehender Unterforderung und Beschäftigungslosigkeit einen Ball ungewohnt fehlerhaft abspielte und Glück hatte, dass nicht mehr als ein Lattenheber daraus wurde.

Bei der einzigen nennenswerten, niedersächsischen Offensivaktion in der ersten Halbzeit hatte Hoffenheim einmal kurz die Räume geöffnet, trat aber ansonsten beeindruckend geschlossen auf und setzte den Gegner mit viel Ruhe, viel Ballbesitz und souveränem Pass-Spiel permanent unter Druck. Der Lohn dafür waren sechs Tore, deren erste fünf jedoch nicht von Torjäger Wagner, sondern von Uth, Kramaric und Rudy erzielt wurden.

Dabei war Wagner der Ehrgeiz, für seinen neuen Arbeitgeber zu treffen, deutlich anzumerken; aber was immer er versuchte, per Fuß oder Kopf, gelangte partout nicht ins Netz. In Übersteigerung dieser sich auswachsenden Torhemmung kam in der 54. Minute auch noch Pech dazu, als Wagners Kopfball vom gegnerischen Torhüter deutlich sichtbar hinter der Linie abgewehrt wurde, ohne dass sich einer der Schiris zur verdienten Anerkennung des Treffers aufzuraffen vermochte. Im Prinzip war das sogar gerecht, denn das erste Tor durch Kramaric war eigentlich ein Abseitstor gewesen, indem Schärs Kopfball nach Uths Ecke durch Kramaric ins Tor umgeleitet wurde – aus nicht allzu schwer zu erkennender Abseitsposition heraus.

Wagner musste bis ganz kurz vor Schluss warten, ehe es nach einer Flanke von Terrazzino doch noch zur Anerkennung seiner Torgefährlichkeit kam. Der wendige 1,94-Meter-Mann drosch dann den Ball aus kürzester Entfernung mit aller Macht in die Maschen, offenbar bereit, den gegnerischen Torhüter zur Not auch mitsamt dem Ball hinter die Torlinie zu schießen. Seine sichtbare Genugtuung traf auf geschlossene Ablehnung seitens der heimischen Fans in Form von anhaltenden Pfiffen, nachdem Wagner sich mit robuster Zweikampfführung während des gesamten Spiels denkbar wenig Sympathie verschafft hatte.

Für Hoffenheim war es ein immens wichtiges Tor. Denn Wagner steht für eine ganz andere Torgefährlichkeit als bisher, er interpretiert Angriffe als wuchtige Zentrumsangelegenheit. Die TSG verfügt damit nicht mehr nur über das gewohnte hohe spielerische Torpotential, das auch echte Torjäger wie Kramaric und Uth auszeichnet, sondern kann jetzt auch sozusagen mit der Brechstange zu Toren gelangen. Am besten ist es natürlich, wenn beide Verfahren zu Toren führen – Hoffenheim ist dann noch weniger auszurechnen. Deshalb war es so wichtig, dass Wagner sich wenigstens zum Schluss erfolgreich durchsetzte und bestätigt sah.

Was gab es sonst noch festzuhalten? Kramaric traf gleich dreimal, Uth verschoss einen Strafstoß, Kaderabek sah die gelb-rote Karte aus nichtigem Anlass. Und Nagelsmann war trotz des klaren Siegs nicht ganz zufrieden mit seiner Mannschaft, deren Abwehrverhalten in der zweiten Halbzeit einige Defizite aufwies – weniger bei den Abwehrleuten als gesamtmannschaftlich, weil die inzwischen deutliche Führung einige Spieler dazu verführte, verlorengegangenen Bällen oder enteilenden Gegenspielern nicht entschieden genug hinterherzujagen.

Neben dem Weiterkommen im Pokal war letztendlich das Wichtigste an diesem Spiel die Aufstellung, die durch das Fehlen der Olympia-Silberlinge Toljan und Süle noch eine gewisse Vorläufigkeit besaß.  In der Defensive spielten Kaderabek und Zuber als offensiv ausgerichtete Außen, Schär, Vogt und Bicakcic bildeten die Dreier-Innenkette. Rudy und Schwegler gaben die Doppelsechs, wobei Polanski angeschlagen fehlte. Vorn agierten Kramaric links, Uth rechts und in der Mitte Wagner. Im Tor stand natürlich Baumann. In der zweiten Halbzeit wurden Ochs, Rupp und Terrazzino eingewechselt, für Zuber, Schwegler und Uth. Hübner, Demirbay und Vargas kamen nicht zum Einsatz.

Schon im Spiel gegen Leipzig zum Ligaauftakt wird die Startelf vermutlich etwas verändert aussehen. Süle wird wohl als Fels in der Brandung zum Einsatz kommen, Toljan eventuell auch, und die Doppelsechs wird anders besetzt sein; vielleicht gibt es sogar den einen oder anderen Abgang zu vermelden. Im ersten Punktespiel kommt es damit zum ersten, echten Härtetest. Es wird spannend sein, mitzuerleben, wie unsere TSG sich dann schlägt…

Die Tore der Partie gibt es hier:

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