Test gegen Bilbao

Wie nennt man eigentlich die Einwohner von Bilbao? Bilbaoer? Bilbanesen? Bilbenser? Bilbaoten? Selbst ausgedehntes Google-Suchen führt zu keinem Ergebnis. Aber Fußball spielen können sie, so viel steht fest, die Leute aus Bilbao: Zu besichtigen Freitagabend in Sinsheim im Rahmen der von der TSG ausgerufenen Spanischen Nacht, der leider nur nicht so viele Besucher beschieden waren, wie es allein das Spiel über 90 Minuten verdient hätte.

Julian Nagelsmann war hinterher nicht wirklich zufrieden mit seiner Mannschaft, obwohl sie dem technisch und taktisch versierten Gegner durchweg Paroli geboten hatte und imgrunde sogar den Sieg verdient gehabt hätte. Er bemängelte vor allem im ersten Abschnitt ausreichend Tempo in den eigenen Reihen, das er aber in der zweiten Halbzeit ca. 20 Minuten lang so umgesetzt sah, wie er sich das für die kommende Saison vorstellt.

normal_ug106_0589_120816Und es stimmte, in der zweiten Halbzeit spielte Hoffenheim über weite Strecken beweglicher, schneller und auch freier im Kopf. Wesentlicher Grund dafür war die Einwechslung von Vargas in der 60. Minute, der im Sturm wahrhaft stürmische Impulse setzte und sich mit dem zuvor ebenfalls eingewechselten Schwegler schöne Pass-Stafetten lieferte, über rechts mit anschließender Flanke oder aussichtsreichem Torschuss, so dass Bilbao in dieser Phase von Glück sagen konnte, nicht mindestens ein oder zwei Tore kassiert zu haben.

normal_ug113_0622_120816Es tut gut, einen Trainer zu haben, der sich nicht im fahlen Licht von wenig bedeutsamen Ergebnissen sonnt, sondern immer Verbesserungspotential sucht. Nichts ist sicherer, als dass eine Mannschaft in der Saison einknickt, wenn sie an der falschen Stelle oder aufgrund eher schwacher Leistungen in den Himmel gehoben wird, und das nur aus dem einen Grund, dass der Trainer das für sein Ego braucht. Julian Nagelsmann ist nicht von dieser Sorte. Er spricht an, was er sieht, und was er sieht, ist eben nur selten das, was er gern gesehen hätte.

Trotzdem hat auch er seine eigene Kritik wohltuend relativiert und darauf verwiesen, dass ein Remis gegen Bilbao und ein Sieg gegen Verona in der Vorbereitungsphase so schlecht wiederum auch nicht seien. In der Summe liegt er mit alldem wohl richtig und mahnt wiederum richtigerweise an, nicht nur 20, sondern 60 oder 70 Minuten ähnlich schnell nach vorn und nach hinten unterwegs zu sein, wenn es demnächst wieder um Punkte geht.

normal_ug083_0430_120816Interessant an der Partie gegen Bilbao war auch, dass der Trainer angekündigt hatte, nicht komplett durchzuwechseln, so dass man davon ausgehen darf, wenigstens in Ansätzen so etwas wie die Idee einer Startelf für die Saison gesehen zu haben – abzüglich natürlich unserer Olympioniken Toljan und Süle, die es mit einem großartigen 4:0 über Portugal ins Halbfinale geschafft haben. Vor Baumann agierte eine Dreier-Innenverteidigung aus Schär, Vogt und Bicakcic, Kaderabek und Zuber gingen rechts und links weite Wege nach vorn und nach hinten. Im defensiven Mittelfeld waren Polanski und Rupp gesetzt, vorn zogen Amiri, Wagner und Kramaric ihre Kreise.

In der zweiten Halbzeit durften, wie erwähnt, auch Schwegler und Vargas ran, außerdem Ochs, Terrazzino, Demirbay. Die TSG spielte dann mit einer Viererkette, so dass Vogt nach vorn rückte. Als er sich zehn Minuten vor Spielende verletzte, kam auch noch Hübner zum Einsatz. Insgesamt wirkte diese Konstruktion stabiler: Baumann hatte sich in der ersten Halbzeit denn auch lautstark beim Trainer beschwert, dass es vor ihm an genügend Personal bzw. an ausreichender Füllung der Räume fehlte.

normal_ug027_0022_120816Die weitgehend stumme Südkurve und das naturgemäße Fehlen von Gästefans führten dazu, dass man die Kommandos der Spieler untereinander und in Richtung Trainer und zurück, was bei Punktspielen in den stimmgewaltigen Fangesängen untergeht, ganz gut verfolgen konnte. Das war ebenso interessant wie das Spiel selbst, das nach zwei Toren Mitte der ersten Halbzeit unentschieden ausging: Gil traf mit einem Gewaltschuss für Bilbao, Kramaric verwandelte ein paar Minuten später eine Zauberflanke von Kaderabek per Kopf.

normal_ug029_0030_120816Auch wenn es eindeutig Steigerungspotential gibt in der vom Trainer vorgezeichneten Richtung: Hoffenheim spielte gut, agierte kompakt, war jederzeit auf Augenhöhe mit dem spanischen Erstligisten – und verfügt über einen starken, bemerkenswert ausgeglichenen Kader. So viel zu wissen tut gut, bevor es demnächst wieder um harte Fakten in Form von Punkten geht…

Fotos: Uwe Grün, Kraichgaufoto

Deine Meinung zum Artikel:
Alexander H. Gusovius