Die Farbe Blau

Es stimmt also nicht, dass man in blauen Trikots keine Titel gewinnen kann. Okay, in der Bundesliga ist es noch keiner Mannschaft in blauen Leibchen gelungen, Deutscher Meister zu werden – und die französische A-Nationalelf musste sich kürzlich in blau der rotgewandeten „Seleçao Ronaldo“ aus Portugal geschlagen geben.

Hoffenheim zum Beispiel hat es in blauen Trikots durchaus schon in den Rang eines Deutschen Meisters geschafft, mit der U-19. Und gestern brachte Ähnliches die U-19-Truppe der Franzosen fertig, die als „Equipe Tricolore“ oder passender als „Les Petits Bleus“ den vornehmlich blau, diesmal jedoch weißgewandeten Gegner aus Italien förmlich deklassierte und derart verdient Europameister wurde, wie man sich das aus Gründen sportlicher Gerechtigkeit nur wünschen kann: vor 25.000 Zuschauern in unserer Rhein-Neckar-Arena…

13729079_1130255757044989_5886848280217545213_nAllzu gern wäre auch die deutsche Nationalmannschaft in Sinsheim dabei gewesen (allen voran Philip Ochs) und hätte es im Prinzip sicher verdient gehabt. Aber manchmal kommt es im Leben sogar unverdient anders, als man denkt – wie es gestern im Nebengeschehen auch dem Autor dieser Zeilen erging, der das Endspiel um die europäische Jugendfußballkrone allzu gern live im Stadion verfolgt hätte, jedoch von einem ihn nachmittäglich heimsuchenden Hexenschuss daran gehindert wurde.

Vielleicht hätte er sich an Christiano Ronaldo ein Beispiel nehmen und angeschlagen trotzdem am Spielgeschehen teilhaben sollen. Doch das hätte bedeutet, die gelegentlich vorkommende, in letzter Zeit viel zu häufig geargwöhnte Buckelei der schreibenden Zunft in ein förmliches Suggestivbild zu überführen… Und wozu, liebe Leute, haben wir alle denn Sofas vor Fernsehern, die man auch mit krummem Rücken entern kann! Die großartige Stimmung im Stadion war von dort aus natürlich nur als entfernter, akustischer Abglanz wahrzunehmen, aber das großartige Spielgeschehen drang doch ungefiltert durch die Mattscheibe durch.

Vor dem, was die französische Elf da zeigte, kann man sich eigentlich verneigen, vorausgesetzt, man verfügt über einen schmerzfreien Rücken. Denn nie kam, auch seitens der „Azzurini“ nicht, jemals das Gefühl auf, einem irgendwie simulierten Event beizuwohnen, also einem zur Europameisterschaft aufgeblasenen Jugendturnier, dem man nur mit viel Wohlwollen attestieren würde, fast ein bisschen so spannend zu sein, wie wenn A-Mannschaften ihre Turniere austragen.

Schon der Krimi um Platz 5 und die WM-Qualifikation, den vor ein paar Tagen Deutschland und Holland boten, war ein echtes sportliches Highlight, bei dem auch Philipp Ochs wieder unter den Torschützen war. Anscheinend hat dieses Hoffenheimer Mega-Talent bereits das Interesse ganz großer Vereine in Europa geweckt! Und jetzt das Finale… Von der ersten Minute bis zur letzten war das eine Begegnung auf ganz hohem fußballerischem Niveau, bei dem Italien leider nur selten zu zeigen vermochte, was auch in dieser Mannschaft steckt.

Der große Glanz blieb diesmal den Franzosen vorbehalten. Was für eine Geschlossenheit, was für eine Spielkultur! Vor allem in Sachen Tempoverschärfung und Pass-Spiel, bei unwiderstehlichen Angriffen und bei der intelligenten Rückeroberung des Balls hoben die Franzosen den Fußball auf ganz hohes Niveau. Viele der Spieler um Augustin, Blas und Diop wird man sicher sehr bald und noch lange im Spitzenfußball bewundern dürfen. Und irgendwie war es doch schön, dass diese extrem offensiv ausgerichtete Truppe den verdienten Sieg einfahren konnte. Schließlich ist unser Stadion eine Heimstätte des Offensivfußballs!

13775541_1130255847044980_2144640237128525233_nWas unterm Strich bleibt, ist die Gewissheit, dass man bei U-19-Spielen inzwischen „richtigen“ Fußball zu sehen bekommt, nicht nur auf Ebene der Nationalmannschaften. Auch die U-19 der TSG 1899 Hoffenheim hat etwa bei den Halbfinalspielen gegen Bremen glanzvoll aufgespielt. Diese Jugendlichen sind, auf der Basis herausragender Akademieausbildung, einfach vollwertige Fußballer.

Wer den Fußball liebt, sollte deshalb öfter auch ins Hoffenheimer Dietmar-Hopp-Stadion pilgern, wo die U-19 ihre Heimspiele bestreitet. Man wird voll auf seine Kosten kommen! Was man dort sieht, ist Zukunft und Gegenwart in einem…

Eine Schlussbemerkung sei erlaubt: Es fällt alles andere als leicht, in diesen äußerst unruhigen Tagen voller tragischer Gewalttaten über fußballerische Geschehnisse zu schreiben, so als gäbe es die vielen Opfer und diese wahnhaften Attentate nicht. Es gibt sie, und es wird vermutlich noch mehr davon geben. Trotzdem können wir uns nicht zu nachgeordneten Geiseln der schrecklichen Taten und der grassierenden Gewaltbereitschaft machen, indem wir uns nur noch damit befassen. Unsere gesamte freiheitliche Zukunft, die im Fußball in wunderbarer Weise durch die Jugendmannschaften repräsentiert wird, ist dafür zu kostbar.

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Alexander H. Gusovius