Der CR-7-Effekt

Portugal ist Europameister. Christiano Ronaldo ist es auch. Wenige haben vor dem Finale in Paris auf die beiden getippt, wenige hätten Ronaldo zugetraut, seine Mannschaft zum Titelgewinn zu führen. Schon gar nicht, wenn er – wie geschehen – am Spiel weitestgehend nicht teilnehmen würde…

Über weite Strecken war das kein gutes, kein schönes Finale. Das ganze Turnier war eigentlich ein bisschen langweilig, was nicht zuletzt an der Defensivorientierung der meisten Teams lag. In der Folge wurde viel quer, viel zurück gespielt und das Glück in späten, überfallartigen Toren gesucht. Aus fußballerischer Überlegenheit wurden nur wenige Spiele gewonnen.

Und denjenigen Mannschaften, die mehr wollten und konnten, fehlte meist der Kopf, der kluge Anführer, der willensstarke Entscheider. Auch das deutsche Team litt darunter, dass es niemanden gab, der die Fäden zog. Seit Jahren geht der Spitzenfußball in Richtung einer von spanischen Erfolgen inspirierten Mannschaftlichkeit, die allzu kollektiv orientiert ist. Die Folge: Das Individuum wird gesichtslos und kann – wie im Fall Thomas Müller – nicht immer erfolgreich dagegen angehen.

Spanien selbst wirkte als Mannschaft müde und zerfallen, England rannte irgendwie ziellos über den Platz, Belgien schaffte es nicht, die vorhandenen Talente zu ordnen und zu klammern. Frankreich vermochte sein starkes Mittelfeld ebenso selten in Wirkung zu setzen wie Deutschland, dessen große Spielanlage vor dem Strafraum verebbte.

Ein Grund dafür wurde am späten Sonntagabend in der ansonsten eher grausamen ARD-Sendung von Beckmann benannt. In den exzellenten Akademien der Vereine werden exzellente Spieler ausgebildet, was zu einem Übermaß an Achtern und Innenverteidigern führt, die allesamt wunderbar aufeinander abgestimmt spielen können – denen es jedoch an individueller Durchsetzungsfähigkeit fehlt, wie man sie beim Straßenfußball erlernt. Um überlegenen Fußball zu spielen, braucht man aber solche Spieler, gerade auf den Außenbahnen und im Sturmzentrum.

Es ist, wie es immer ist: zu viel Kollektiv und zu gute Ausbildung schaden der Inspiration. Ohne starke Individuen mit einem Gran Anarchie im Blut kann sich auch keine Gemeinschaft entfalten. Und genau an dieser Stelle kommt der neue Europameister ins Spiel. Christiano Ronaldos ungebremst starkes Ego hat der portugiesischen Mannschaft den entscheidenden Vorteil gebracht und ihre ohnehin starke, mannschaftliche Geschlossenheit erst in Wert gesetzt, selbst als Ronaldo im Finale auf rüde Weise früh aus dem Spiel getreten worden war.

Als CR-7 in der Verlängerung humpelnd wieder aus den Katakomben aufgetaucht war, grub sich sein extremes Wollen nochmal tiefer in die portugiesische Mannschaft ein. Er wurde zum Ritter, der in blutiger Rüstung sein Heer vom Feldherrnhügel herunter anleitet. Frankreich hatte diesem mittelalterlichen Heldenepos nichts annähernd Ähnliches entgegenzusetzen: Payet war schon ausgewechselt, Pogba verkümmerte als Sechser, Griezmann verhungerte in der Spitze.

Hoffentlich hat das Finale vielen der extremen Ronaldo-Kritiker die Augen geöffnet. Mag sein, dass dieser herausragende Spieler etwas unter Selbstliebe leidet, mag sein, dass er im Showroom des Fußballs seinen gestylten Körper etwas öfter herzeigt als nötig. Aber was CR-7 wirklich kann und wie zielgerichtet sein fußballerischer Ehrgeiz ist, wie sehr er den Fußball als Person und als personalisierte Willenskraft verkörpert, das hat er in diesem Finale bewiesen.

Portugal ist deshalb verdient Europameister geworden, in einem Turnier, das wenig Auffälliges bereithielt – wenn man von Wales und von Island absieht, die als kleine Fußballnationen bewundernswert über sich hinauswuchsen. Für die Zukunft muss man hoffen, dass wieder mehr Spieler auftauchen, die dem Fußball den individuellen Stempel aufdrücken können. Der Fußball lebt bei aller Technik und Taktik zuletzt doch von starken Charakteren. Übrigens nicht nur der Fußball…

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Alexander H. Gusovius