Halbfinalaus gegen Frankreich

„Wenn du keins machst, kriegst du irgendwann eins rein“, lautet eine fußballerische Faustformel, deren prinzipielle Gültigkeit gestern mal wieder unter Beweis gestellt wurde, als Deutschland das Spiel gegen Frankreich über weite Strecken dominierte, ohne ein Tor zu erzielen, dafür aber zwei gegnerische Tore kassierte.

So viel damit gesagt zu sein scheint, so wenig ist geklärt, warum das so war. Haben die Franzosen zu gut verteidigt? Dagegen spricht, dass der gesammelte Sachverstand der Medien im Vorfeld der Partie die Defensive als Schwachstelle der „équipe tricolore“ ausgemacht hatte. Und auch im Spiel selbst deutete wenig darauf hin, dass es die deutsche Mannschaft mit einem regelrechten Bollwerk zu tun bekam.

Im Gegenteil. Die Franzosen legten offensiv los wie der Mistral, ca. 10 Minuten lang. Die Deutschen wurden davon kalt erwischt. Der Aufstellung nach hatte Joachim Löw offenbar mit einem weit zurückgezogenen Gegner gerechnet, der rein aufs Konterspiel aus sein würde. Nach und nach arbeitete sich Löws Truppe jedoch zurück in die Ordnung und gewann zunehmend an Ball- und Spielkontrolle. Das reichte auch hier und da für ein wenig Torgefahr, aber wirklich druckvolle, brisante Angriffe gelangen nicht – wie umgekehrt den Franzosen ebenfalls nicht, die jetzt tatsächlich öfters mal konterten, aber gegen die aufmerksame und mannstarke Defensive der Deutschen nicht durchdrangen.

Kurz vor der Pause kam dann Schweinsteiger, der bis dahin ein glänzendes Spiel abgeliefert hatte, im eigenen Strafraum ziemlich ungeschickt mit der Hand an den Ball: Elfmeter. So etwas kann passieren und ist auch nicht weiter schlimm, wenn man einen Rückstand zu drehen imstand ist. Nur sah es leider nie danach aus. Die deutsche Mannschaft spielte in der zweiten wie in der ersten Halbzeit immer wieder gefällig bis an den Strafraum – wo die meisten Bemühungen jedoch unspektakulär versandeten.

Schmerzhaft vermisst wurden jetzt Mario Gomez sowie die Spieleröffnungen des unglücklich gesperrten  Mats Hummels, dazu Müllers übers gesamte Turnier schon erstorbener Torriecher – und überhaupt so etwas wie zündende Ideen. Die deutsche Mannschaft wirkte gehemmt, abgespannt, leer und erinnerte etwas an überspielte Spanier. Obwohl auf dem Papier eines der jüngsten Teams der EM, schien sich so etwas wie Altersmüdigkeit über Löws Truppe zu legen. Die Mannschaft spielte gut, aber ohne Feuer.

Das hatte sich in der wenig glanzvollen Qualifikationsphase auch schon angedeutet. Nach dem Abgang von Charakteren wie Mertesacker, Klose und Lahm fehlt es der Mannschaft an Profil, um groß aufzuspielen, und Löws Handschrift der Risikovermeidung und des Ausnivellierens bei demonstrativer ironischer Lässigkeit tun ein Übriges. Sah man dagegen die Franzosen, die vor Ehrgeiz nur so sprühten, war schon früh klar, wer hier eher über sich hinauswachsen würde. Als dann noch Boateng ausfiel, war das Urteil gesprochen.

Und so kam es irgendwann zum nächsten Treffer der Franzosen: wie der erste nicht gerade herausgespielt, aber irgendwie schlüssig. Ganz gegen Ende raffte sich Deutschland noch einmal auf und ging endlich bedingungslos nach vorn. Nach wie vor fehlte es jedoch an Durchschlagskraft und auch an jenem Quantum Glück, das der Lohn für viel Mut ist – wenn er eben nicht zu spät kommt.

Unterm Strich hat damit die bessere Taktik, die bessere Einstellung und vor allem auch die bessere Mannschaft gewonnen: Frankreich ist verdient ins Finale eingezogen. Und es ist unabweisbar, dass angesichts der Umstände im Land, der blutigen Spur des Terrors und der allgemein angespannten Verhältnisse, Frankreich den Finaleinzug dreimal mehr als Deutschland brauchte. Für die Franzosen stand und steht viel mehr auf dem Spiel als für uns Deutsche, die wir bisher von vielem, das die Welt zunehmend unruhig macht, verschont geblieben sind. Drücken wir ihnen also die Daumen, dass ihnen am Sonntag auch noch der Titelgewinn glückt!

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Alexander H. Gusovius