Verlustreicher Einzug ins Halbfinale

Da ist es wieder erreicht, das fast schon garantierte Halbfinale, wenn die Nationalmannschaft unter Löws Regie bei großen Turnieren antritt. Ob er und seine Mitspieler nun auch ins Finale kommen wollten, wurde Thomas Müller von einem wenig einfallsreichen Sportjournalisten gefragt. „Auf keinen Fall“, erwiderte er bierernst, man habe fest vor, im Halbfinale auszuscheiden und werde sich entsprechend darauf vorbereiten.

Was denn, wollte Müller damit sagen, wird die deutsche Mannschaft wohl vorhaben, wenn sie am Donnerstag gegen Frankreich antritt? Nur wird es alles andere als einfach sein, wirklich ins Finale einzuziehen. Der Gastgeber hat Island, hat die viel bewunderten Wikinger regelrecht vom Platz gefegt und seine Favoritenrolle eindrucksvoll unterstrichen. Das Team von Didier Deschamps hat sich offensiv glänzend eingespielt.

Einfach war das Weiterkommen aber auch gegen Italien nicht – dafür haben weder 90 noch 120 Spielminuten genügt. Die Italiener sind sowieso immer nur extrem schwer niederzuringen, außer wenn sie grad heillos zerstritten sind oder sonstwie keine Lust auf Fußball haben. Die Azzurri waren bei diesem Turnier aber alles andere als lustlos oder zerstritten, sie bildeten eine echte Einheit. Und so musste sich die deutsche Mannschaft über die maximale Distanz kämpfen.

Wieder mal hatte Jogi Löw, was dem TV-Fußballexperten Mehmet Scholl verstehbarerweise nicht gefiel, Taktik und Aufstellung an den Gegner angepasst. Mit einer Dreierabwehrkette, die wahlweise zur Fünferkette wurde, sollte Italien zentral ausgebremst werden, was nach anfänglichen Abstimmungsproblemen auch ganz leidlich gelang. Die dafür geopferte Offensivkraft fehlte indessen vorn schmerzlich, so dass Deutschland nie an den zuvor entwickelten Angriffswirbel anknüpfen konnte und sich (ausgerechnet gegen Italien!) in eine Abwehrschlacht verwickeln ließ. Damit gestaltete sich die Partie zäher, verbissener und kampfbetonter als nötig – mit bösen Folgen: Gomez, Khedira, Schweinsteiger und vielleicht auch Boateng gingen angeschlagen aus dem Spiel.

Was dem Bundestrainer allerdings gelang, war eine Neuauflage der legendären Italienkrimis, diesmal mit glücklichem Ausgang für Deutschland. Nervenzerreißende 120 Minuten lang stand das Spiel beständig auf der Kippe, herzinfarktfördernde 18 Elfmeter waren danach noch zu absolvieren, ehe feststand, wer das Halbfinale erreicht hatte. Das Spiel wird darum in die Historie eingehen, so viel ist sicher. Der ganz große Atem fehlte dennoch.

Denn auf beiden Seiten wurden weder Helden geboren noch Helden vom Sockel gestürzt. Vielleicht ist das Heldentum diesmal aber auch eher eine Sache der sogenannten Kleinen, etwa von Island und Wales, wobei Letztere es sogar ins Halbfinale geschafft haben. Ihr Fußball ist einfach und geradlinig und lebt davon, dass die Spieler über sich hinauswachsen. Bei den sogenannten Großen muss dagegen alles zusammenpassen, damit die komplexe Spielanlage greift. Die Waliser können deshalb nach Belgien durchaus auch Portugal das Fürchten lehren und ins Finale einziehen.

Und auf wen würden sie dann treffen? Nach der verlustreichen Schlacht gegen Italien muss man die deutschen Spieler am Donnerstag im Nachteil sehen, während Frankreich sich fast in eine Art Rausch spielen konnte. Aber gerade da lauert das Verhängnis: Wenn das Selbstbewusstsein überdreht, droht schmerzhaftes Erwachen. Häufig genug werden Mannschaften durch deutliche Siege tatsächlich angreifbarer. Die Franzosen wären wegen ihrer relativ schwachen Defensive jedoch auch so schlagbar – und Löw hat mit Weigl und Sané noch echte Trümpfe in der Hinterhand, die der Gegner zudem schlecht einzuschätzen vermag.

Kann sein, dass die Partie Deutschland-Frankreich spielerisch das einlöst, was die Partie Deutschland-Italien allein nervlich zu bieten vermochte. Dann erleben wir in drei Tagen ein würdiges Halbfinale, und unser Hunger nach ganz großem Fußball wäre endlich gestillt.

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Alexander H. Gusovius