„Italien oder Spanien – Hauptsache Viertelfinale“

Béla Réthy ist nicht gerade bekannt dafür, durch feine Sprüche, treffsichere Pointen oder besonderen Fußballverstand zu glänzen. Beim Sieg der deutschen Nationalmannschaft über die Slowakei im Achtelfinale der EM hat er jedoch für ein Highlight am Mikrofon gesorgt: gegen Ende seiner Reportage. Weniger spontan vielleicht, als es klingen sollte. Eher gut überlegt… Als nach dem 3:0 klar war, dass Deutschland ins Viertelfinale einziehen und dort auf den Sieger aus der Achtelfinalpaarung Italien-Spanien treffen würde, gab er die bislang schönste Anverwandlung von Andi Möllers legendärem Spruch „Mailand oder Madrid – Hauptsache Italien“ zum Besten.

Andi Möller selbst, bei der EM als ungarischer Co-Trainer unterwegs, hat das Viertelfinale leider verpasst. Aber wieso leider? Der belgische Gegner war eindeutig überlegen. Ungarn hat zurecht, auch in der Höhe, verloren. Beim 4:0 der Belgier, dem einstweilen höchsten Spielergebnis, schien die im Vorfeld hochgerühmte belgische Nationalmannschaft endlich ungefähr da angekommen, wo ihre wahre Leistungsstärke zu verorten ist. Schnelle Spielzüge, beeindruckend präzise vorgetragen, hatten nur den Mangel, zu nicht noch mehr Toren zu führen.

De Bruyne, Lukaku und Hazard, über die TV-Experte Stanislawski sagte, dass sie zusammengehören „wie siamesische Zwillinge“, bildeten ein furioses Trio, das hoffentlich noch lang das Turnier bereichert. Was man über Stani an der Videowand nicht unbedingt sagen möchte, so deplatziert wirkt er dort. Und irgendwie sieht er gar nicht mehr aus wie ein Fußballtrainer. Eher erinnert er von fern an einen Hausmeister – oder an einen Filialleiter im Supermarkt… Mit dem Job an der Videowand hat er sich anscheinend keinen großen Gefallen getan.

Und der Gegner der Italiener oder Spanier? Wie stark ist die deutsche Mannschaft? Das ist auch nach dem gestrigen Spiel immer noch schwer einzuschätzen. Was man sicher sagen kann, ist, dass die Taktik von Löw perfekt aufgegangen ist, das gefährliche slowakische Mittelfeld durch intensives Pressing mehr oder weniger bedeutungslos zu machen. Aufgrund der weniger gefährlichen Slowaken davor oder dahinter ergaben sich anschließend jedoch freie Räume, mit denen im weiteren Verlauf des Turniers nicht mehr zu rechnen ist.

Anders gesagt hat die Slowakei der deutschen Mannschaft nicht genug Spielintelligenz abgefordert, um zu wissen, ob die vielen schönen, eigenen Angriffe und die seltenen Gegenangriffe der Slowaken eher ein Umstand dieses Spiels waren oder doch zum System gehören. Selbstverständlich war das ein überzeugender Auftritt der deutschen Mannschaft. Doch was passiert, wenn es demnächst gegen die Großen geht?

Taktische Maßnahmen werden allein nicht ausreichen, Gegner wie Italien oder Spanien aus dem Spiel zu nehmen. Die Mannschaft braucht dann auch Inspiration, echten Teamgeist und Charakter, von denen noch nicht viel zu sehen ist. Deutschland scheint eher ebenso freundlich wie nachdrücklich bemüht, konstruktive Spiele abzuliefern – was auch jedesmal gelingt. Nur dass der Funken noch nicht recht überspringen will, die Spiele reißen einen nicht mit… Geniale Momente, wie sie gestern überraschenderweise ausgerechnet Draxler hatte, der für Götze ins Team zurückgekehrt war, sind im Moment noch singuläre Ereignisse.

Belgien oder Frankreich, das den frühen Rückstand gegen die Iren mit einem immer inspirierteren Sturmlauf zuletzt in einen Sieg umzudrehen vermochte, wirken da weiter, wirken mannschaftlich verschweißter. Es könnte jedoch sein, dass Deutschland – wie Italien – diesmal weniger glänzt als gut funktioniert, sozusagen in alter Tradition. Denn beide Länder haben in der Vergangenheit oft mit eher soliden Mitteln Gegner in die Knie gezwungen, die ihnen an fußballerischer Inspiration weit überlegen waren. Insofern wäre es interessant, Italien als Viertelfinalgegner zu bekommen.

Noch interessanter wäre aber wohl Spanien, weil die deutsche Mannschaft dafür die unsichtbaren Fesseln aufsprengen müsste, die sie bisher an ganz großen Auftritten hindern. Und erst wenn das gelänge, wäre Deutschland ein richtig heißer Anwärter auf den Titel. Einstweilen scheint „la Mannschaft“ eher schwer an der Bürde und Würde des Weltmeistertitels zu tragen und hat noch nicht wirklich zu sich selbst gefunden. Einen Schritt weiter auf diesem Weg ist sie durch den klaren Sieg gegen Slowakei aber gekommen. Von jetzt an wird’s spannend, richtig spannend…

Deine Meinung zum Artikel: