Gruppensieg

Mit dem 1:0 über Nordirland ist die deutsche Nationalmannschaft ins Achtelfinale eingezogen. Wer dort als Gegner wartet, weiß man letztlich nicht, weil sich die UEFA fürs Weiterkommen der vier Gruppendritten extra komplizierte Regeln ausgedacht hat. Trotzdem, das haben die Fleißigen vom Kicker errechnet, sollte es zu 80% Wahrscheinlichkeit die Slowakei sein. Na gut.

Nach dem Auftritt der deutschen Mannschaft von gestern Abend würden die Slowaken jedenfalls kein größeres Problem darstellen. Endlich hat „la Mannschaft“ wieder offensiv überzeugt, auch wenn die vielen Torchancen nur zu einem einzigen Törchen führten. Aber was heißt eigentlich überzeugt? Nur überzeugt? Nein, sowas hat man lange nicht gesehen…

Denn nachdem bislang einzig Spanien bei der EM groß aufgespielt hatte (und gestern gegen Kroatien gleich wieder einknickte), ließ die deutsche Nationalelf ein wahres Feuerwerk an intelligenten, schnellen Pässen vom Stapel, immer hinein in die Zone, wo es der nordirischen Sechser-Abwehrkette samt ihren drei vorgeschalteten Zerstörern wehtat – so dass Müller, der im Vorfeld weniger das Auslassen nicht vorhandener Torchancen beklagte als eben die Tatsache, dass er in den ersten beiden Spielen überhaupt keine Torchancen hatte, jetzt endlich zu mindestens vier Großchancen kam und sich mit der Vorlage des einzigen Treffers durch Gomez hervortat.

Da sah man dann auch wieder das Müller‘sche Lausbubengesicht. Dieses Grimassieren und Feixen ist ein verlässlicher Anzeiger dafür, ob es für das deutsche Team läuft. Umgekehrt zeigten Müllers Leidensgesicht und sein blasser, leerer Blick in den Auftaktspielen, wie wenig zusammenging. Sein Gesichtsausdruck ist ein regelrechtes Orakel, ein bajuwarischer Spiegel der Fußballwelt. Schaut Müller trübsinnig drein, als wäre beim Oktoberfest grad das Bier ausgegangen, ist Gefahr im Verzug. Reißt er die Augen auf und grinst bis zu den Ohren, als würden ihm drei Scheiben Leberkäs zum Preis von einer ins Brötchen gelegt, dann stimmt es. So wie gegen Nordirland.

Und woran lag es? Trainer Löw hatte ein paar Umstellungen vorgenommen und erstens Draxler und Höwedes aus der Startelf genommen und zweitens Kimmich und Gomez gebracht. Mit Kimmich als rechtem Verteidiger entstand viel Dampf über seine Seite – gut für Müller, der diese Rückendeckung benötigt, um in jene anarchische, den Gegner und mitunter auch sein eigenes Team überraschende Inspiration zu kommen, die er braucht, um echte Durchschlagskraft zu entwickeln. Für Draxler, der zu einem ewigen Talent zu verkommen droht, ging Götze auf die linke Seite, während Gomez für Götze in der Spitze ackerte und rackerte und den rugby-geschulten nordirischen Verteidigern so hart zusetzte wie sie ihm.

Dem deutschen Team hauchten die eher schlichten, aber wirkungsvollen Veränderungen einen völlig neuen Spirit ein. Es hat sich damit zurück in den Kreis der Titelaspiranten gespielt. Und Jogi Löw sollte seine Stammformation gefunden haben. Wenn gelbe Karten oder Verletzungen keine Veränderung erzwingen, wird Deutschland personell wie gegen Nordirland weiter durchs Turnier gehen. Vielleicht abgesehen von Khedira, der zunehmend durch Schweinsteiger ersetzt werden könnte. Khedira wirkte unterspannt, fahrig und beinahe desinteressiert.

Damit ist die Gruppenphase fast fertig – und es hat sich gezeigt, dass die Erweiterung auf 24 Teams statt der bislang bei Europameisterschaften üblichen 16 kein Fehler war. Denn selbst die klassischen Fußballzwerge von einst wie Wales, Albanien und Nordirland haben überzeugende Auftritte hingelegt und stellten oder stellen weiter eine echte Bereicherung des Turniers dar. Wie weit sie kommen können, wird sich zeigen – für Überraschungen sind sie lange gut genug! Da heißt es auch für die deutsche Nationalelf aufpassen, wenn es demnächst gegen die Slowakei oder mit 20% Wahrscheinlichkeit gegen Albanien geht…

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