Deutschland-Polen

Ein torloses Remis gegen Polen: Klingt schwach, war auch eher schwach, ist so übel jedoch nicht. Mit einem Sieg oder mit einem weiteren Remis gegen Nordirland wäre der Schritt in die K.o.-Runden perfekt.

Aber wie ist der Auftritt sportlich zu bewerten? Ein Feuerwerk an Ideen hat die deutsche Mannschaft ja nicht gerade abgebrannt. Dabei war sie offenbar von der Aufgabe geleitet, sich bloß keinen der gefährlichen polnischen Konter einzufangen. Was auch nicht geschah – nur hat es dann offensiv zu keinerlei Durchschlagskraft mehr gereicht.

Polen wiederum hat sehr erfolgreich die Räume verdichtet und damit die deutsche Offensive mehr oder weniger kaltgestellt. Und bei Kontern fast schon bemitleidenswert versagt. Es war, als hätte die zum Greifen nahe Chance, Deutschland nach der Quali endlich auch mal in einem großen Turnier zu schlagen, den polnischen Stürmern alle Kraft und Zuversicht aus den Beinen gesogen.

Eugen Polanski, der zur Berichterstattung ins Studio eingeladen war, meinte trotzdem und nicht ganz zu Unrecht, dass Deutschland sich über eine Niederlage nicht hätte beschweren dürfen. Tatsache ist jedenfalls, dass die Polen näher dran waren am Sieg. Die deutsche Defensive, deutlich stabiler als im Auftaktspiel, ließ sich immer mal wieder in Verwirrung bringen.

Aber war die eher schwache Abteilung Sturm der deutschen Nationalmannschaft wirklich nur von der defensiven Aufgabenstellung beeinträchtigt? Nach zwei Spielen und den beiden Toren aus dem Auftaktspiel, die von Defensivkräften erzielt wurden, kann man sagen, dass der deutsche Angriff noch nicht Tritt gefasst hat.

Allen voran wirken Özil und Müller blass. Beide versuchen, das offensive Spiel am Laufen zu halten, sind aber fern von jenem Glanz, den sie eigentlich verbreiten können. Und auch Götze müht sich, ohne viel zustande zu bringen. Als einsamer, falscher bzw. schwimmender Neuner ist das jedoch kein Wunder. Wenn die drei dahinter ihn nicht strategisch ins Spiel bringen, kann er allein nichts bewirken.

Zu den dreien gehört auch Draxler, der schon während der Saison in Wolfsburg nicht zu seiner Form gefunden hatte – ähnlich wie Schürrle, der ihn später ersetzte und wie so oft einigen frischen Wind, aber keine Effizienz ins Spiel brachte. Mit einem Wort gesagt wirkt die deutsche Offensive: müde.

Man darf hoffen, dass gegen Nordirland der Turnaround gelingt und das deutsche Spiel nach vorn ins Laufen kommt. Die deutsche Mannschaft hat sich ja schon oft in Turnieren allmählich gesteigert und ihre besten Spiele für den Schluss aufgehoben. Das kann auch dieses Mal gelingen, zumal sich noch kein Konkurrent als Favorit aufdrängt.

Denn nach und nach zeigt sich, dass es überall hakt. Frankreich und England haben ihre zweiten Spiele gegen Albanien (!) und Wales (!) gerade mal so und erst ganz am Schluss gewinnen können. Italien spielt wieder jenen eher uninspirierten Verwaltungsfußball, der die Tifosi allerdings schon öfter zum Titelgewinn führte. Belgien wiederum scheint doch zu ersatzgeschwächt zu sein, Spanien dagegen wirkt überlebt, wenn auch äußerst abgeklärt.

Die fußballerische Erfrischung kommt derweil von Teams wie Nordirland und Island. Ihnen sitzt keinerlei Bürde vergangener Großtaten im Nacken – und Fußball spielen können sie auch. Das tun sie denn auch frei und enthemmt und machen den Zuschauern Spaß – und den Großen das Leben schwer. Richtig spannend wird es aber erst, wenn die Gruppenphase vorbei ist. Dann ist durchaus auch mit handfesten Sensationen zu rechnen…

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Alexander H. Gusovius