Mit einem 2:0 ist die deutsche Nationalmannschaft ins Turnier gestartet. Und sie hat ihr Auftaktspiel nicht nur gewonnen, sondern auch überzeugend gespielt. Und hat mit Schweinsteigers Tor in der Nachspielzeit sogar ihren ersten magischen Moment erlebt…

Leider sind die sportlichen Nachrichten bereits zu Beginn der EM überlagert von Geschehnissen, die sich um den Sport ranken – ohne ihm zur Zierde zu gereichen. Ausschreitungen voller Gewalt haben die Innenstädte von Lille und Marseille erschüttert, und in Marseille ist es zu brutalen Übergriffen auch innerhalb des Stadions gekommen. Russische Anhänger sind dort trotz der Separierung in Blocks auf englische Fans losgegangen, während sich beide Nationalitäten in der Innenstadt wahre Gewaltorgien lieferten.

In Lille wiederum haben deutsche Anhängerschaften in der Innenstadt randaliert, unter Absingen braunsten Liedguts und dem Vorstrecken des rechten Arms. Das ist alles viel zu viel und keine Panne, kein schmerzlicher Begleitumstand, wie derlei bei öffentlichen Ereignissen größten Ausmaßes nun mal vorkommen kann. Sondern es ist die konsequente Fortsetzung einer moralischen Aufweichung, die in letzter Zeit immer rascher fortschreitet und weite Teile Europas erodiert.

Wer fühlt sich inzwischen nicht alles berufen, seiner vermeintlichen Überzeugung rabiat Ausdruck zu verleihen! Ob im Internet, im Schutzraum des anonymen Wütens, oder auf Demonstrationen, ob im Schutz der mitlaufenden Massen, sei es als Wutbürger, als Pegidist oder als Flaschen- oder Steinewerfer, oder im Dunkel der Nacht, wenn Asylantenheime beschmiert oder gar angezündet werden. Die Liste ist lang und wird beinahe täglich länger.

Und so muss man befürchten, dass die EM zum einstweiligen Höhepunkt sinnlos gereizter Stimmung auszuufern droht. Dagegen helfen nur nochmal strengere Sicherheitsmaßnahmen – und konsequent und hart durchgreifende gerichtliche Verfahren. Dagegen hilft aber auch, dass wir alle, die wir den Fußball lieben, uns davon explizit abgrenzen und glaubwürdig auf der Seite der Sicherheitsorgane stehen! Auch und gerade, wenn daheim die Liga wieder den Betrieb aufnimmt. Gewalttäter sowie Krawall- und Scharfmacher haben in Stadien nichts zu suchen. Man muss sie final ächten, auch in den eigenen Reihen!

Würde das EM-Turnier in Chaos und Gewalt versinken, wäre das unser aller Schaden. Man mag sich kaum vorstellen, welche Welle von Gewalt danach in die einzelnen Länder schwappen könnte – und die UEFA droht bereits damit, im Wiederholungsfall Teams wie Russland oder England nachhause zu schicken. Dabei hebt dieses Turnier auf einem sportlichen Niveau an, wie wir es lange nicht erlebt haben. Frankreich, England und Deutschland haben gleich zu Beginn schon großartigen, beherzten Fußball gezeigt! Spanien Belgien und Italien, denen viel Qualität zuzutrauen ist, folgen noch. Und auch die so genannten Kleinen wie die Schweiz, Rumänien, Ukraine oder Kroatien haben bereits bewiesen, dass sie guten Fußball spielen.

Der deutsche Auftritt war erfrischend anders, als es die letzten Vorbereitungsspiele erwarten ließen. Mit Götze in der Spitze, Özil, Müller und Draxler dahinter, auf der Doppelsechs Khedira und Kroos, mit Höwedes, Mustafi, Boateng und Hector als Viererkette hat die Nationalmannschaft einen sehr kompakten Eindruck hinterlassen. In der ersten Halbzeit stimmten die Abstände noch nicht ganz, so dass die Ukraine nach Mustafis Führungstreffer in der 19. Minute auch aufgrund allzu stürmischer Balleroberungsversuche der deutschen Mannschaft immer besser ins Spiel kam und nur dank der Artistik von Torhüter Neuer und Abwehrchef Boateng auf der Linie nicht den Ausgleich erzielte.

Die zweite Halbzeit wirkte, verglichen mit dem beidseitigen Angriffsfeuerwerk der ersten, fast ein bisschen langweilig – der Grund dafür war aber in der jetzt besseren Raumaufteilung unserer Mannschaft zu finden. Durch die außerdem sehr gute Ballkontrolle gelang es der Ukraine kaum noch, ihre gefährlichen Spitzen in Position zu bringen. Das wirkte insgesamt so gekonnt, dass die französische Sportzeitung Equipe den deutschen Sieg als „Routine allemande“ betitelte – und erinnerte in der ruhigen, souveränen Art tatsächlich an frühere Zeiten, als deutsche Mannschaften sich bei großen Turnieren weniger spektakulär als andere, aber umso effizienter häufig genug bis ins Finale vorspielten.

Einen spektakulären, magischen Augenblick gab es dennoch. Als Bastian Schweinsteiger kurz vor Spielende eingewechselt wurde, mochte man sich fragen, wozu die paar Minuten Spielpraxis nach ewig scheinender Verletzungspause wohl gut sein sollten. Die Antwort gab er selbst, nachdem Schürrle in der Nachspielzeit Özil bei einem Konter links auf die Reise geschickt hatte und dessen wunderschöne, lange Flanke exakt beim mitsprintenden Schweinsteiger ankam – der den Fuß hinhielt und aus sechs Metern technisch gekonnt zum 2:0 verwandelte. Das Tor und der darauffolgende Jubellauf schlossen nahtlos an seinen Turban-Finalauftritt im Finale der letzten WM an.

Fazit: Die deutsche Mannschaft kann viel erreichen, wenn sie so weiterspielt. Wieviel Freude das machen würde, hängt davon ab, ob die aufflammende Gewalt rund um die Stadien rasch ein Ende findet!

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Alexander H. Gusovius