„Alle gegen einen“: Mission erfüllt!

Wer hätte im Winter gedacht, dass Hoffenheim schon am 33. Spieltag gerettet sein könnte? Fest in den Tabellenkeller eingesperrt, war die Mannschaft durch Huub Stevens zwar konditionell deutlich wettbewerbsfähiger geworden, aber sie ließ sich immer noch allzu leicht verunsichern und hatte vor allem im Spielaufbau und in der Offensive arge Probleme. Es sah ganz und gar nicht danach aus, als wäre die TSG noch zu retten.

Doch dann kam Julian Nagelsmann, 28 Jahre alt, und ebnete beharrlich den Weg, der zurück zu den angestammten Hoffenheimer Fußballtugenden führte. Schritt um Schritt ging es mit ihm aus dem Keller heraus, von Punktgewinn zu Punktgewinn stabilisierte sich die Mannschaft, bewies auch bei Rückstand enorme Moral und gehörte irgendwann sogar zu den erfolgreichsten Teams der Rückrunde. Sie lernte sich und dem Trainer zu vertrauen – und schlicht und einfach wieder Fußball zu spielen.

Aber war das alles wirklich so einfach? Natürlich nicht. Um das Phänomen des Nicht-Abstiegs zu erfassen, um wirklich zu begreifen, welch phänomenale Entwicklung die Mannschaft genommen hat, mit dem Ergebnis, trotz der Niederlage in Hannover weiter in der Ersten Liga unterwegs sein zu dürfen, muss man wohl ein paar mehr Faktoren bemühen. Vermutlich bräuchte es dafür sogar einen Blick in die Kristallkugel.

Vielleicht gelingt das ja, wenn in einer Woche die Saison vorbei ist und sich die starken Emotionen etwas abgeflacht haben. Im Moment überwiegt noch die unbändige Freude, die Erleichterung, die Genugtuung, dass es geschafft ist, egal wie… Hauptsache weiter mit dabei, ganz oben: dort, wo die großen Fußballereignisse stattfinden! Als Hoffenheimer ist man, schon weil die Traditionalisten es einem nicht gönnen, noch gleich dreimal glücklicher darüber.

Zu den Eigentümlichkeiten des Spiels in Hannover gehörte jedoch, das man sich nach dem Abpfiff noch nicht so richtig freuen konnte. Zuerst deshalb, weil Hoffenheim wirklich lausig gespielt hatte und fast lustlos bzw. gehemmt wirkte. Lag es am ungewöhnlich warmen Wetter, wie Julian Nagelsmann später mutmaßte? Oder daran, dass man sich über- und Hannover unterschätzt hatte und die Sache etwas zu lax anging? Vor allem offensiv lief wenig zusammen, dabei wäre Hannover durch enorm große, freie Räume leicht auszuspielen gewesen.

Außerdem dauerte es zwei, drei Minuten, bis nach dem Abpfiff die Stuttgarter Niederlage gegen Mainz und dann auch das nächste wichtige Ergebnis feststand: Werder hatte in Köln nur ein Unentschieden erreicht. Und weil Bremen und Frankfurt am letzten Spieltag noch gegeneinander antreten müssen, konnte Hoffenheim jetzt keinesfalls mehr vom Nichtabstiegsplatz verdrängt werden. Obwohl Frankfurt gegen Dortmund und Darmstadt in Berlin gewonnen hatte!

Die Irritation darüber, schlecht gespielt und dennoch belohnt worden zu sein, war auch manchen Spielern wie Olli Baumann und vor allem Julian Nagelsmann anzumerken, der nicht mal mit über den Rasen tanzte, als die Rettung allen so richtig bewusst geworden war und sie ihre Freude in ausgelassenen Sprüngen herausließen. Ganz ernsthafter Trainer, zeigte er sich in den ersten Interviews noch mit der Verarbeitung der verdienten Niederlage beschäftigt.

Nur ein gelegentliches kleines Lächeln in den Mundwinkeln bewies, dass er sehr wohl wusste, was er und die Mannschaft erreicht hatten. Und später soll er dem Vernehmen nach kräftig mitgefeiert haben. Denn so verdient die Niederlage in Hannover war, so verdient war auch die Rettung unter seiner Trainerschaft (samt der Vorarbeit von Huub Stevens). Kein Spieler ließ den Namen Nagelsmann aus, wenn es darum ging, die entscheidenden Gründe für die Rettung zu nennen, an die vor wenigen Monaten niemand mehr geglaubt hatte.

Eine schier unfassbare Serie von Erfolgen, daheim und auswärts, auf der Basis von Spielkultur und Offensivgeist, gepaart mit Ernsthaftigkeit und dem dazugehörenden Quäntchen Glück: Das alles zusammen hat dafür gesorgt, dass Hoffenheim gerade noch von jener Schippe gesprungen ist, auf der jetzt Stuttgart sitzt und zitternd dem letzten Spieltag entgegensieht. Während wir uns auf das letzte Spiel gegen Schalke einfach nur freuen können! Wie schön…

Foto: Uwe Grün

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