Mission Leine los

Hannover ist abgestiegen – nichts geht mehr, sollte man meinen. Doch leider liegt Hannover sportlich keineswegs am Boden, sondern kann auf einmal Fußball spielen. Kaum ist der Druck weg, kommt der Schwung zurück! Die schweren Beine und leeren Köpfe erinnern sich im Augenblick des besiegelten Abstiegs wieder daran, wie Fußball geht…
Allein deshalb ist die Fahrt an die Leine kein Kommando „Leinen los“ in Richtung Klassenerhalt der TSG. Kurz mal hinfahren und einem demoralisierten Gegner drei Punkte locker wegnehmen: schön wär’s! Doch Hannover ist unkalkulierbar wie ein angeschlagener Boxer, der jederzeit den „Lucky punch“ setzen kann. Außerdem spielen die Niedersachsen ihr letztes Heimspiel in der Ersten Liga und wollen sich vor eigenem Publikum extra nicht blamieren.

normal_ug049_7811_121215Ein weiterer, zutiefst trauriger, extrem schmerzhafter Umstand kommt hinzu. Denn vor wenigen Tagen hat Hannover sein hoffnungsvolles Talent Niklas Feierabend durch einen Verkehrsunfall verloren. Der Verein steht infolgedessen unter Schock, die Erinnerung an Robert Enke wird wach, das Stadion gerät zum Ort kollektiver Anteilnahme und emotionaler Selbstwahrnehmung. Eigentlich sollte in einem solchen Moment gar kein Fußball gespielt werden – und es fällt schwer, Worte zu finden, die den sportlichen Kontext mit der Tragik des Todesfalls verknüpfen. Darum nur so viel: Niemand kann wissen, ob dieser tragische Zusammenhang Hannover nicht sogar sportliche Flügel verleiht.

normal_ug120_8280_121215Hoffenheim ist aus allen diesen Gründen gut beraten, sich der hohen Betroffenheit der Gastgeber in keiner Weise zu verschließen, sie im Gegenteil aufzunehmen und von Herzen zu teilen. Denn nur so wird ein fairer sportlicher Wettkampf möglich sein, der den Gefühlen in Hannover ebenso gerecht wird wie der Notwendigkeit, am vorletzten Spieltag leistungsgerechte Ergebnisse im Abstiegskampf zu erzielen – in Bezug auf Hoffenheim, aber auch in Bezug auf die Konkurrenz.

normal_ug061_7923_121215Die TSG muss es schaffen, wenn das Spiel angepfiffen ist, sich ganz auf sich selbst zu konzentrieren und genau so Fußball zu spielen, wie sie das in den letzten Wochen und Monaten getan hat. Das Ergebnis wird dann für sich sprechen. Und man darf sich trotz der traurigen Umstände des Spiels wünschen, dass Hoffenheim die Mission gegen den Abstieg damit schon erfolgreich absolviert haben wird.
normal_ug077_7983_121215Rechnerisch ist im umgekehrten Fall noch sehr vieles möglich. Bremen und Frankfurt haben sich zurück in die Hoffnungszone gekämpft, wobei die Hessen mit Dortmund eine deutlich schwerer zu lösende Aufgabe vor der Brust haben als die Bremer, die in Köln antreten. Stuttgart wiederum spielt daheim gegen Mainz, das zuletzt sehr an Schwung verloren hat, aber sich berappeln könnte. Und Darmstadt reist nach Berlin, wo es ganz, ganz schwer werden wird.

normal_ug110_8225_121215Fassen wir kurz zusammen: Wenn Hoffenheim alles abruft und gewinnt, ist das Abstiegsgespenst aus dem Kraichgau vertrieben. Wenn Frankfurt und Stuttgart verlieren, ebenfalls. Alle anderen Szenarien sind so komplex, dass man den Spieltag einfach abwarten muss, bevor man zu rechnen beginnt. Also drücken wir unserer Mannschaft einfach die Daumen und hoffen inständig, dass es dann endlich, endlich vorbei ist mit dieser nervenzehrenden Anspannung!
Fotos: Uwe Grün, Kraichgaufoto

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Alexander H. Gusovius