Kommt Zeit, kommt Uth

Mark Uth ist ein Meister der späten Tore, das hat er gegen Hertha BSC nicht zum ersten Mal unter Beweis gestellt. Nadiem Amiri ist ein Meister der Torvorbereitung, das hat er am Samstag erneut demonstriert. Und Julian Nagelsmann ist ein Meister der strategischen Planung und taktischen Momente – das hat er mit dem Sieg über die Hertha ausdrücklich unterstrichen.
Um einen Tabellendritten besiegen zu können, braucht es natürlich mehr als drei geniale Momente. Es braucht viel Vorbereitung, es braucht Optimismus – und es braucht eine intakte Mannschaft sowie ein richtig gutes Team drum herum. Es muss viel stimmen, um einen erfolgsverwöhnten Gegner in die Knie zu zwingen. Und der Gegner selbst muss auch mitspielen, muss die Aufgabe etwas zu sorglos angehen, muss leichtfertig genug sein, rein auf die eigene Qualität zu bauen.

normal_ug010_8458_160416Wenn das alles zusammenkommt, hat eine vom Abstieg bedrohte Mannschaft eine Chance, sich durchzusetzen: eine Chance, mehr nicht. Hoffenheim hat sie gesehen und spektakulär genutzt, und daran hatten Uth, Amiri und Nagelsmann den größten Anteil. Anfangs sah es ja noch so aus, als wäre die Hertha nicht zu besiegen. Da liefen sich die Spieler der TSG vergeblich die Hacken ab, um den kombinationssicheren Berlinern das Leben schwer zu machen. Das ging ca. 20 Minuten lang so, bis Uth knapp an Torhüter Jarstein scheiterte. Vorher aber war, gleich zu Beginn, Ibisevic mit der schwarzen Maske an Baumann gescheitert.

Spätestens ab dieser 20. Minute jedoch begann der Plan von Julian Nagelsmann mehr und mehr zu greifen. Einige überraschende Umstellungen im Team hatten den Grundstein dafür gelegt, denn kein gegnerischer Trainer hätte voraussehen können, dass Volland eine Art hohen linken Verteidiger geben würde, dass Toljan auf der Gegenseite unterwegs wäre, dass Polanski vor der Dreierkette aus Süle, Strobl und Schär als defensive Spitze eines Dreiecks agieren sollte, das vor ihm Ochs und Amiri offensiv komplettierten, während ganz vorn Kramaric und Uth für Unruhe sorgten, mal außen, mal in der Mitte.

normal_ug048_8710_160416Hertha BSC kam anfangs noch ganz gut damit klar, dass Julian Nagelsmann seine Mannschaft auf Reaktion statt auf Aktion gepolt hatte. Doch die ungeliebte Rolle als spielbestimmendes Team fiel der alten Dame aus Berlin immer schwerer, weil Hoffenheim die Räume enorm eng hielt und sich für Berlin einfach keine Gelegenheit ergab, tödliche Bälle zu spielen. Zur Mitte der ersten Halbzeit begannen die Berliner deshalb, es mit immer riskanteren Pässen zu versuchen – und erlitten in der Folge immer mehr Ballverluste.

normal_ug054_8774_160416Das war genau das, was Nagelsmann im Sinn gehabt hatte. Seine Mannschaft konnte jetzt im eigenen Stadion kontern und war vor allem von der Last befreit, im dritten Spiel hintereinander gegen eine kompakte Abwehr anrennen zu müssen. Zuvor musste jedoch noch der Berliner Führungstreffer verdaut werden, den Stark nach einem Eckball in der 27. Minute erzielte. Zu diesem Zeitpunkt waren die Eckpunkte der Partie allerdings so klar festgelegt, dass dem 0:1 der Hertha keine Bedeutung mehr zukam. Natürlich konnte man das zu diesem Zeitpunkt noch nicht sicher wissen, aber der weitere Verlauf des Spiels sollte es erweisen.

normal_ug053_8761_160416Folgerichtig dauerte es nur sechs Minuten, bis Amiri einen Freistoß mit der ihm eigenen Technik so hoch und weit in den gegnerischen Strafraum schlug, dass der Ball im richtigen Moment fast senkrecht auf Schär herabfiel, der ihn problemlos zum 1:1 einköpfen konnte. Und spätestens von diesem Moment an war die Hertha zur Wirkungslosigkeit verurteilt, selbst wenn sie kurz vor dem Halbzeitpfiff einen Pfostentreffer erzielte und Baumann noch einmal glanzvoll eingreifen musste.

normal_ug083_8966_160416Insgesamt jedoch kamen die Berliner vor und nach dem Seitenwechsel nie mehr richtig zum Zuge, Hoffenheim hielt die Fäden des Spiels in der Hand und gab sie bis zum Schlusspfiff nicht mehr her. Als Schär in der 53. Minute angeschlagen vom Feld musste, nahm Nagelsmann Kaderabek herein und stellte ihn auf seine angestammte rechte Seite, so dass Toljan jetzt links spielte und Volland nach vorn ging. Der Druck der TSG auf die Hertha nahm in der Folge noch zu. Die Chancen häuften sich, doch der entscheidende Durchstich gelang erst in der 85. Minute, als Amiri wieder einen seiner unvergleichlichen, steil herabfallenden Bälle von der Eckfahne in den Strafraum fliegen ließ, wo Süle ihn verlängerte und Uth am langen Pfosten gedankenschnell-katzengleich in die Knie ging und den Ball über die Linie köpfte.

normal_ug122_9333_160416Mit diesem phantastischen Sieg, den vorher niemand klar auf der Rechnung haben konnte, ist ein weiterer Schritt gegen den Abstieg gelungen. Die Tabellensituation ist jedoch rechnerisch immer noch so heikel, dass es mindestens einen weiteren Sieg brauchen wird, um das rettende Ufer einigermaßen sicher zu erreichen. Selbst Hannover, das auf einmal die Kunst zu siegen entdeckt, könnte es noch schaffen – während der VfB, der längst gerettet schien und schon in Richtung Euro-League schielte, wieder gefährdet ist. Beide sind markante Beispiele dafür, wie eng das Abstiegsfeld immer noch gestrickt ist und dass man sich vorsehen muss, bloß keine Masche aus Übermut oder Sorglosigkeit fallen zu lassen.
Fotos: Kraichgaufoto, Uwe Grün

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Alexander H. Gusovius