Mission alte Dame

Die alte Dame aus Berlin ist mal wieder zu Besuch in Sinsheim. Tabellarisch früher oft in Sack und Asche unterwegs, trägt Tante Hertha in dieser Saison ein jugendlich frisches Outfit spazieren und winkt vom dritten Tabellenplatz herab in die Niederungen von Platz 14, wo sich unser Hoffenheimer Dorfverein gerade aufhält – durchaus standesgemäß aus Sicht eines ehrwürdigen Hauptstadtvereins, der endlich dort angekommen ist, wohin er sich immer schon sehnte: JWD (janz weit da oben).

normal_ug_1423_120909Mit dabei ist Vedad Ibisevic, der nach seinem fulminanten Bundesliga-Debüt in den Farben der TSG endlich auch wieder trifft, wie er es einst für uns tat. Falls das mit einer eigens für ihn angefertigten Karbonmaske denn überhaupt möglich ist, nachdem er beim letzten Spiel einen Kiefernhöhlenbruch erlitt. Der Mann mit der Maske brennt natürlich darauf, seinem Ex-Verein zu zeigen, wie gefährlich er immer noch ist. Ob er durch das eingeschränkte Sichtfeld noch öfter ins Abseits läuft als sonst?

Die Spielweise der Hertha unter Trainer Dardai liegt Ibisevic jedenfalls sehr. Defensiv kompakt aufgestellt, setzt die Hertha vor allem auf schnelle Konter. Vorn lauert dann Ibisevic und läuft in der für ihn typischen Weise auf etwas steifen Beinen die gegnerische Abwehr bzw. ihren Spielaufbau ab – und geht ebenso gern wie ungeduldig steil, sobald sich Gelegenheit dazu ergibt. Wir kennen das von früher und wissen noch, wie oft er dabei ins Abseits rennt.
Das Unangenehme an diesem Spiel ist, dass Hertha BSC alles daran setzen wird, Hoffenheim das Spiel gegen ihre starke Abwehr samt vorgelagertem defensivem Mittelfeld machen zu lassen. Denn genau das fiel der TSG zuletzt schwer, gegen Köln und gegen Frankfurt. Das dafür nötige Passtempo wollte sich einfach nicht einstellen, die ebenso nötige Präzision ebenfalls nicht. Trotzdem darf man hoffen, dass Hoffenheim diesmal besser mit der ungeliebten Spielidee umgehen wird.

normal_ug036_8134_230515Die Hoffnung gründet sich auf drei Faktoren. Zum ersten liegen uns Mannschaften wie die Hertha aus Berlin, die technisch hochwertig spielen und nicht vorwiegend auf Zweikampfhärte zurückgreifen. Zum zweiten lernt unsere Mannschaft permanent dazu. Und zum dritten verläuft der Gipfelkurs der Berliner zuletzt gar nicht mehr gradlinig: Tante Hertha scheint die Puste auszugehen, sie musste in Gladbach schwer Federn lassen und schaffte daheim gegen Hannover nur ein Remis.
Es ist gut möglich, dass die bisher weit über den Erwartungen agierende, sozusagen im Übermaß erfolgreiche Berliner Truppe auf den letzten Metern der Saison etwas bequem wird, dass sie den Trainer zwar hört, wenn er sie darauf einschwört, alles zu geben – dass sie die Vorgaben aber nicht umsetzt, weil der Erfolg die Truppe selbstverliebt gemacht hat. Berlin neigt ja auch als Stadt, bei aller sympathischen Schlichtheit und Direktheit, zu latentem Größenwahn.

normal_ug063_8286_230515Genau da liegt die Chance der TSG, egal ob Schwegler oder Polanski den gelbgesperrten Rudy ersetzen werden. Die Hertha müsste den heißen Atem des Verfolgers aus Leverkusen eigentlich im Nacken spüren, glaubt aber noch nicht, dass der sichere Champions-League-Platz 3 wirklich schon in Gefahr sein könnte. Dazu braucht es vermutlich noch ein oder zwei Spiele, und das erste davon geht gegen Hoffenheim. Unsere Mannschaft wiederum wird angesichts des Gegners, der ihr erwartbar alles abverlangen wird, alle Kräfte aufbieten, um die neue Heimspielstärke in den nächsten Erfolg umzumünzen.

Zur Unterstützung wurden Informationen herangezogen von: kicker.de, fußballdaten.de
Fotos: Uwe Grün, Kraichgaufoto

Deine Meinung zum Artikel:
Alexander H. Gusovius