Last-minute-Remis

Gibt es den Begriff eigentlich? Last-minute-Sieg schon, aber Last-minute-Remis? Doch exakt so fühlte sich das Unentschieden gestern Abend an, wie ein gewonnenes Spiel – dabei war es nur (oder immerhin) ein gewonnener Punkt, der am Tag der finalen Rechnungen, nach dem 34. Spieltag, aber noch den Unterschied machen kann. So dass die Siegerlaune, in der die meisten Fans aus der ausverkauften Rhein-Neckar-Arena strömten, so falsch nicht war.

Es war ein Spiel, das man vom Ende her erzählen muss, einfach weil da am meisten los war. Und zwar kam es vorm Sechzehner von Baumann, als gerade die Nachspielzeit beim Stand von 0:1 zugunsten der Kölner anbrach, zu einer Kollision von Vargas und Klünter, wobei der Ball grad schon weg war, und Klünter zu Boden ging und sich den Oberschenkel hielt. Das monierten ein paar Kölner, die brav den Arm hoben, doch die nach vorn stürmenden Hoffenheimer sahen den Grund dafür nicht, vor allem nicht Kramaric, der sich, den Ball am Fuß, in höchstem Tempo übers halbe Spielfeld kämpfte und zuletzt von halblinks aus schwierigem Winkel scharf aufs Tor schoss. Kölns Torhüter Horn machte sich lang und wehrte den Ball noch zur Seite ab – nur dass da Volland herangerauscht war und halb im Rutschen den Ball noch erwischte und ihn hinter Horn ins Tor bugsierte: Ausgleich!

normal_ug098_6714_030416Die Rhein-Neckar-Arena wurde in diesem Moment, wie schon in den letzten Spielen, zu einem jubelnden Gesamtwesen, und die Spieler bildeten eine Volland und Kramaric feiernde Traube, vermehrt um Betreuer und Ersatzspieler – während sich auf Höhe der Hoffenheimer Bank eine Traube ganz anderer Art einfand, darunter massiv entrüstete, teils erboste Kölner, mitten darin auch Kölns Manager Jörg Schmadtke, der zuletzt sogar einen gut durchgekauten Kaugummi aus dem Mund puhlte und Richtung TSG-Bank pfefferte.

Die Kölner regten sich mächtig darüber auf, dass Hoffenheim weitergespielt hätte, obwohl doch ein Spieler der Gästemannschaft verletzt auf dem Rasen lag. Dazu ist zu sagen, dass erstens das Spielgeschehen weit davon entfernt weiterging und vor allem auch im Rücken der Hoffenheimer Spieler lag, dass zweitens der liegenbleibende Spieler anschließend weiterspielte und dass drittens solches Liegenbleiben gegen Spielende bei knappen Führungen im Fußball allzu oft theatralischer Natur ist und nur einem Zweck dient: Zeit zu schinden.

normal_ug091_6642_030416Dass hier der Fairplay-Gedanke schwerstens torpediert worden sei, wie es hieß, und Hoffenheim sich somit so unfair, wie es irgend geht, ein Tor förmlich ergaunert hätte, gehört allerdings ins Reich jener Fabeln und Legenden, an denen der Fußball so reich ist. Zwar stimmt es, dass der 1. FC Köln unter Trainer Stöger und Manager Schmadtke sein früheres Übermaß an körperlicher Härte jenseits der Regeln, an böswilligen Kapriolen und augenzwinkernden Nickligkeiten stark reduziert hat (wiederzufinden inzwischen bei Ingolstadt, Augsburg und Darmstadt). Aber in derart engen Spielsituationen ohne klar erkennbare Verletzung würde auch Köln den Ball nicht ins Aus spielen – was man leicht zugeben könnte: ganz so, wie Julian Nagelsmann frank und frei zugab, dass er im umgekehrten Fall ebenso erbost gewesen wäre wie die Kölner.

normal_ug069_6412_030416Ob man sich deshalb auch mit einem Kaugummi im Zielwerfen üben muss, sei dahingestellt. Immerhin hat sich Schmadtke wohl selbigen Abends noch telefonisch bei Alexander Rosen dafür entschuldigt. Und wenn man überlegt, wieviel zäher Nasenschleim nach jedem Spiel zwischen den Grashalmen liegt, in dem sich die Spieler 90 Minuten lang ohne Hemmungen herumwälzen, muss man auch den Ekelfaktor eines nassen Kaugummis einigermaßen niedrig ansetzen, wenn man fair bleiben will, worum es doch schließlich geht.

Die Vorgeschichte zu alldem ist rasch erzählt und alles andere als ein Geheimnis, dank der bewundernswerten Offenheit von Julian Nagelsmann. Seine Mannschaft, sagte er nach dem Spiel zutreffend, hatte in der ersten Halbzeit kaum Zugriff aufs Spiel bekommen, hatte wie gegen Stuttgart Probleme mit dem tief stehenden Gegner, ließ es am nötigen offensiven Tempo vermissen und verlor darum im letzten Drittel zu viele Bälle, die zu vielen Kontern einluden. Weil Köln in dieser Disziplin indes weniger effizient als die Schwaben verfuhr, stand es nach 90 Minuten nur 0:1 – auch weil Modeste in der ersten Halbzeit eine Mega-Chance vergeben hatte.

normal_ug090_6633_030416Der Punktgewinn war also wirklich ein Gewinn und kann, wie gesagt, noch allergrößte Bedeutung bekommen. Für den Moment hievte der eine Punkt Hoffenheim aus der Abstiegszone auf Platz 14 hoch, was gut aussieht und zusätzliche Motivation verschaffen sollte, um nächstes Wochenende in Frankfurt kräftig nachzulegen. Anzumerken ist noch, dass Hoffenheim mit Ochs für Amiri und Vargas für Uth in der zweiten Halbzeit deutlich kreativer wurde und gegen Ende auch von der Einwechslung von Schmid für Kaderabek profitierte. Es war ein, alles in allem, glücklicher Abend, der die Serie von Heimsiegen vermutlich nur unterbrach, nicht abreißen ließ.

Fotos: Kraichgaufoto, Uwe Grün

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Alexander H. Gusovius