Rudy vollauf EM-tauglich

Ein glänzenderes Bewerbungsschreiben hätte Sebastian Rudy kaum abgeben können. Was er gegen Italien gestern Abend auf den Rasen des Münchener Fußballtempels gezirkelt hat, dürfte ihn in den festen Kreis der EM-Aspiranten katapultiert haben. Mindestens dann, wenn die Nationalmannschaft mit einer nominellen Fünferkette spielt und Rudy als vorgerückter Außenverteidiger fungiert…

Bundestrainer Löw hat später vielsagend gelächelt, als er nach der ungewöhnlichen Doppelsechs aus Özil und Kroos vor jener Fünferabwehr gefragt wurde – und sich in doppelter Hinsicht natürlich nicht festgelegt. So dass zu erwarten ist, dass er taktisch variieren wird, soweit es die Sechser-Alternative mit Khedira und Schweinsteiger betrifft, und durchaus noch auf die vertraute, im modernen Fußball inzwischen fast etwas biedere Viererkette vertraut, in Kopf und Herz aber viel für den Spielwitz der gestrigen Formation übrig hat.

Nach etlichen eher durchmischten Auftritten seiner zu Teilen renovierten Weltmeisterelf muss es den Bundestrainer mächtig beeindruckt haben, wie frisch die Mannschaft gegen Italien daherkam – woran Rudy seinen Anteil hatte, indem er die gestellten Aufgaben auf der rechten Seite durchweg solide und mitunter sogar glanzvoll abarbeitete. Für Italien war die deutsche Mannschaft in dieser Formation nur schwer auszurechnen – nicht zuletzt auch Rudy, der so gar nicht nach deutschen Fußballtugenden aussieht, der so unschuldig ausschauen und beinahe körperlos spielen kann.

Es zaubert förmlich ein Lächeln ins Gesicht, dass Rudy, dem kaum jemand das zugetraut hätte, es trotzdem geschafft hat, sich in der Nationalmannschaft festzusetzen, wenigstens ansatzweise. Natürlich spielt es da eine Rolle, dass die Talente in den Reihen der deutschen Außenverteidiger rar gesät sind und Rudy auch noch zu den multifunktionalen Spielertypen gehört. Aber Rudy kam und kommt immer noch vergleichsweise zart daher und wirkt stets ein bisschen so, als sei er eben gerade aufgestanden und bräuchte erstmal einen starken Kaffee, um vollends aufzuwachen.

Er ist der Typ Spieler, den man auf den ersten Blick falsch einschätzt, und insofern gewissermaßen das Gegenstück zu Hans-Peter Briegel, der „Walz von der Pfalz“, der in den 80-er Jahren mit viel Wucht, aber wenig Fußballkunst ungemein effektiv in Kaiserslautern und in der Nationalmannschaft unterwegs war. Die Gegner unterschätzten diesen eckigen Athleten regelmäßig, und regelmäßig belehrte er sie eines Besseren. Rudy wiederum übersieht man fast, ihm fehlt die Lust auf spektakuläre Aktionen, er sieht schmal und blass aus und weckt eher Beschützerinstinkte.

Doch so, wie er im Hoffenheimer Spiel immer deutlichere Akzente setzt, hat er auch gestern in der Nationalmannschaft gewirkt. Zurückhaltend im Auftritt, hat er äußerst mannschaftsdienlich den Ball zirkulieren lassen, hat sich auf leisen Sohlen immer tiefer in die Struktur des deutschen Spiels eingebunden und bekam in der zweiten Halbzeit dann doch noch seinen spektakulären Moment. Zweimal schon war er rechts mit unerreichbar langen Bällen auf die Reise geschickt worden, beim dritten Mal stimmt der lange Pass: Rudy angelte sich die Kugel herunter, kurvte elegant und ungemein leichtfüßig nach innen und hätte, wäre er nicht von den Beinen geholt worden, zweifellos ein Tor gemacht. Der folgende Strafstoß war darum sein Treffer – und ein Ausrufezeichen unter seine Bewerbung, im Sommer im Tross der Nationalmannschaft eine tragende Rolle zu spielen.

Volland dagegen hatte leider zu wenig Einsatzzeit, um ähnlich nachdrücklich auf sich aufmerksam zu machen. Die fünf Minuten gegen Spielende, als der Sieg über Italien mehr als klar war, reichten einfach nicht hin, sich zu empfehlen. Hoffenheim könnte davon sogar profitieren: Volland muss sich jetzt in den letzten, immens wichtigen Ligaspielen beweisen, er muss alles geben und richtig gute Ergebnisse liefern, damit Jogi Löw ihn berücksichtigt. Rudy jedoch kann sich freuen und völlig befreit aufspielen – sein EM-Ticket sollte gelöst sein!

Fotos: Uwe Grün, Kraichgaufoto

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Alexander H. Gusovius