Mission Perle

„Hamburg, meine Perle“ werden sie am Samstag im Hamburger Volksparkstadion wieder inbrünstig singen und sich einstimmen auf das Spiel gegen uns – das die Hamburger Fans mit all der Leidenschaft und dem Mut, den Trainer Labbadia dem HSV eingeimpft hat, unbedingt gewonnen sehen wollen. Umgekehrt geht es für Hoffenheim darum, die HSV-Muschelschale aufzubrechen, die glänzende Drei-Punkte-Perle heraus zu puhlen und mit nach Hause zu nehmen.

Wenn sich der HSV dabei als Miesmuschel erweisen würde und nicht als Auster, wäre das sicher von Vorteil. Denn eine Auster zu knacken ist ungleich schwerer, als ins Innere von relativ zerbrechlichen Miesmuschelschalen vorzudringen. Aber man muss sich auf eine HSV-Auster einstellen. Leichtfertig wird Hamburg die drei Punkte sicher nicht hergeben. Also braucht es so etwas wie ein Austernmesser bzw. das Wissen um die richtige Taktik.

normal_ug041_3123_231015Denn die vergleichsweise gebremste Energie des VfL Wolfsburg vom letzten Wochenende wird bei diesem Spiel nicht anzutreffen sein. Hamburg geht mit einfachen Mitteln hoch engagiert zuwerke und verfügt neben einer gewissen Ruppigkeit auch über ein außergewöhnliches, offensives Überraschungspotential: Rudnevs, Müller, Hunt und Lasogga können jederzeit genial-verrückte Aktionen starten. Aber auch unsere ehemaligen TSG-Spieler Gregoritsch und Schippo bringen Gefahr vors Tor – nur dass Schipplock zuletzt meist auf der Tribüne sitzt, Lasogga schon länger nicht mehr trifft und auch Rudnevs gerade mal wieder eine seiner vielen kreativen Pause einlegt.

Trotzdem hat der HSV letzten Sonntag nur mit 1:0 in Leverkusen verloren, und das auch nur durch ein Eigentor. Die Partie war ein einziges Kampf- bzw. Krampfspiel, das sich in intensiven Zweikämpfen verzettelte. Hoffenheim muss sich darum auf harte Mann-gegen-Mann-Szenen einstellen, wird aber durch ideenreiche Offensivaktionen siegreich sein können. Genau darauf kommt es an: den HSV im Mittelfeld stellen und dann in schnellen Spielzügen nach vorn verwirren.

normal_ug058_3284_231015Wenn das gelingt, wären zum ersten Mal in dieser Saison zwei Siege in Folge möglich. Dem immer noch mageren Punktekonto würde es guttun wie ergiebiger Frühjahrsregen der Sommerernte. Und die Aussichten dafür stehen nicht schlecht. Unsere Offensive ist tatendurstig, personell mehr als gut besetzt und wird von hinten immer besser mit geeigneten Bällen versorgt. Worauf es ankommt, ist vermutlich der Bereich zehn Meter diesseits und jenseits der Mittellinie. Wenn der HSV sich da durchsetzt und unsere eher filigran veranlagten Spieler mittels harter Bandagen verunsichert, kann die Mission Perle auch danebengehen.

Für den HSV besteht der Reiz der Begegnung natürlich besonders darin, die bisher erkämpften 31 Punkte um drei weitere aufzustocken und damit von Abstiegssorgen mehr oder weniger befreit zu sein. Diese Motivation ist gerade in einem Heimspiel nicht zu unterschätzen, die Fans werden alles daransetzen, dass ihre Mannschaft nicht noch einmal in ein Herzschlagfinale abrutscht. Solange man im zu erwartenden hanseatischen Hexenkessel also nicht mit wenigstens zwei Toren führt, muss man immer und mit allem rechnen. Aber die TSG ist bereit für den Fight in Hamburg und würde zu gern eine weitere Perle auf ihre Punkteschnur aufziehen. Wenn sie so konzentriert bei der Sache ist wie gegen Wolfsburg, könnte Hamburg sozusagen ein blaues Wunder erleben!

Fotos: Uwe Grün, Kraichgaufoto

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Alexander H. Gusovius