Rückschlag

Nach den guten Spielen gegen Mainz, Dortmund und Augsburg ist der Hoffenheimer Auftritt in Stuttgart komplett missraten. „Wir haben alle keine gute Leistung gezeigt“, sagte Trainer Julian Nagelsmann nach der Partie – und bezog sich in wohltuender Ehrlichkeit mit ein, nachdem seine taktische Marschroute diesmal deutliche Schwächen aufwies. Der Aussage des Stuttgarter Spielers Rupp folgend, lag er damit sachlich völlig richtig, der zu entnehmen war, dass der VfB im Vorfeld wusste, wie hoch Hoffenheim stehen würde und was dagegen zu unternehmen wäre.

Der Abwehrdreierkette aus Süle, Schär und Bicakcic und den weit vorrückenden, eher zum Mittelfeld zu zählenden Außenverteidigern Toljan und Kaderabek gelang es von Beginn an nicht, die im eigenen Stadion pfeilschnell konternden Stuttgarter zu kontrollieren, so dass schon nach 5 Minuten, im Gefolge eines nicht gut geklärten Eckballs, der Führungstreffer durch Niedermeier fiel. Mit einigem Glück hangelte sich Hoffenheim danach fast bis zur Pause durch, kassierte aber in der 42. Minute durch Rupp den nächsten Treffer.

normal_ug008_8002_050316In der Zwischenzeit hatte Julian Nagelsmann umgestellt, Bicakcic in Minute 35 herausgenommen, der darüber mächtig verärgert war, und Kramaric gebracht. Die jetzt verteidigende, klassische Viererkette stand deshalb aber nicht sicherer, woran vor allem die vielen Ballverluste im Aufbauspiel schuld waren. Baumann sah die Folgen in Hochgeschwindigkeit auf sich zukommen: „Wir hatten relativ nah vor der Abwehrkette die Ballverluste, und dann blieben nicht mehr viele Spieler übrig, nur noch die, die den Spielaufbau gemacht haben. Das hat uns das Leben enorm schwer gemacht, es waren wahnsinnig viele Konter, die die Stuttgarter hatten. Die hätten sie noch viel öfter besser ausspielen können.“

Imgrunde kam die TSG darum in den ersten 45 Minuten zu keiner einzigen Torchance. Volland und Uth waren vorn fast abgemeldet, Amiri lief viel, aber vergeblich, Hamad blieb wie Polanski und alle anderen ohne durchschlagende Anbindung ans Spiel. Da half auch kein Nagelsmann’scher Zettel weiter, der in der ersten Halbzeit herumgereicht wurde. Es war einfach nicht der Tag der TSG, die weder zum eigenen Spiel noch in die Zweikämpfe fand.

normal_ug010_8021_050316Nach der Pause flackerte kurz Hoffnung auf, als Vargas und Schmid für Uth und Hamad eingewechselt worden waren. Da riss Hoffenheim die Spielführung an sich und kombinierte mutig und energisch nach vorn – nur dass Niedermeier bereits in der 51. Minute per Kopf, wieder nach einem Eckball, das 3:0 erzielte. Die TSG versuchte danach, die sich deutlich abzeichnende Niederlage wenigstens abzumildern, und kam durch einen wunderschönen Treffer von Kramaric in der 73. Minute tatsächlich zum 3:1. Und kurz darauf hätte Schmid nach genialem Steilpass von Volland sogar noch das 3:2 erzielen können, aber sein schwacher Lupfer war die schlechteste aller möglichen Lösungen und wurde von Tyton locker weggefangen.

Wer weiß, wie das Spiel andernfalls ausgegangen wäre! Stuttgart hätte sich vom Anschlusstreffer möglicherweise massiv verunsichern lassen. Aber man muss zugeben, dass alles andere als die nachfolgenden beiden Tore für Stuttgart in der 78. und 83. Minute durch Kostic und Werner den Spielverlauf völlig auf den Kopf gestellt hätte. Hoffenheim wirkte in diesem Spiel fast über 90 Minuten hinweg völlig desorientiert, glänzte eher durch lange, brachiale Fehlpässe als durch kluges Aufbauspiel und lief infolgedessen in eine ganze Welle von Kontern, die leicht zu noch höherer Torausbeute seitens des VfB hätte führen können.

normal_ug026_8164_050316Alles in allem war das Derby in Stuttgart ein Rückfall in schlechte Darbietungen – nicht zur Unzeit, wie es scheint. Denn noch sind neun Spiele zu absolvieren, bis final abgerechnet wird: Zeit genug, substantiell daraus zu lernen… Mag sein, dass Rudy und Strobl der Mannschaft diesmal schmerzlicher fehlten als zuletzt. Mag auch sein, dass eine Spur von zu viel Selbstgewissheit nach den guten Leistungen der letzten Wochen den Ausschlag dafür gegeben hat, dass die Mannschaft über zu wenig zielorientierte Lauf- und Kampfbereitschaft verfügte, dass die Körpersprache nicht stimmte, dass es zu kaum einem Zeitpunkt eine multipel vernetzte Einheit aus 11 Spielern zu sehen gab, die alle an einem Strang ziehen und als Gesamtkörper auftreten.

normal_ug103_8859_050316Aber die Mannschaft kann und wird schon am nächsten Wochenende gegen Wolfsburg zeigen, dass es auch anders geht. Denn dass sie ihr Handwerk besser versteht als in diesem völlig missglückten Derby, hat sie in anderen Spielen schließlich bewiesen!

Fotos: Uwe Grün, Kraichgaufoto

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Alexander H. Gusovius