Mission Derby

Der VfB Stuttgart hat aktuell den Abriss einer Siegesserie zu verzeichnen. Mit der Verpflichtung des neuen Trainers Kramny kam der Schwabenpfeil zunächst zwar ins Laufen – zuletzt jedoch ins Straucheln. Man kann schwer vorhersagen, was die jüngsten Niederlagen mit dem VfB machen.

Weckt die magere Ausbeute (ein Punkt aus drei Spielen) schwäbischen Trotz? Oder ist maximale Verunsicherung die Folge? Rückerinnert sich die Mannschaft an die desolaten Serien der letzten Jahre und verfällt wieder in den Modus großer Gesten und kleiner Resultate? Grundsätzlich sind solche Serien, wie sie der VfB unter Kramny hingelegt hat, nach überstandenem Fußballkoma in der Mitte einer Saison nicht ungefährlich, denn sie bergen die Gefahr eines schwerwiegenden Rückfalls, von dem man sich dann nur noch sehr schwer erholt.

normal_ug137_0995_031015Hohe Unwägbarkeit kennzeichnet also die Situation des VfB Stuttgart. Die Situation der TSG 1899 Hoffenheim sieht auf den ersten Blick ebenfalls unwägbar aus, nach Remis-Sieg-Niederlage-Sieg ist rein statistisch keine klare Tendenz zu erkennen. Zieht man aber die gezeigten Leistungen zurate, kommt man zu einem anderen Ergebnis. Dann zeigt die Tendenz eindeutig nach oben, während es mit dem VfB bergab zu gehen scheint.

Beim Aufeinandertreffen am Samstag könnte den Trainern eine noch gewichtigere Rolle zufallen, als durch ihren Beruf ohnedies zu erwarten ist. Denn Kramny, der sehr lange Zeit weit entfernt von Bundesligaweihen gearbeitet hatte, ließ kürzlich in einem Interview durchblicken, dass er sich für gehobene Sphären immer als durchaus geeignet empfand. Und in letzter Zeit schien Kramny, wie es bei Menschen öfters so geht, die sich lange Zeit verkannt fühlten, denn auch schon eine gewisse Erhabenheit als Trainer zu verströmen. Derlei geht selten gut.

normal_ug083_0521_031015Anders Nagelsmann. Mal abgesehen davon, dass er durch den parallelen Prüfungsstress für seine Trainerlizenz ohnehin wenig Zeit für gespreizte Selbstwahrnehmungen hat, ist er einfach nicht der Typ „Wandelt-über-Wasser“. Stattdessen ist ihm eine gewisse Urigkeit zu eigen, gekoppelt an  viel Temperament, das er aber gut zu zügeln weiß. Solcherart geerdet, hat er seiner Mannschaft langsam wieder Selbstvertrauen vermitteln können, das nicht abzuheben droht und in den letzten Spielen zu soliden bis glanzvollen, leidenschaftlich vorgetragenen Leistungen führte.

Fassen wir zusammen: Stuttgart ist für uns schlagbar, gerade jetzt! Es ist zwar keine Frage, dass sich der VfB für die Begegnung mit Hoffenheim viel vornimmt, um die unheilvolle Rückentwicklung zu stoppen und nicht erneut in den Abstiegsstrudel zu geraten. Doch der VfB hat sicher auch vor, sein inzwischen schon wieder verwöhntes, zu scharfer Kritik neigendes Publikum mit einer großen Darbietung zu erfreuen. Und genau in dieser Doppelmotivation liegt die Lücke, in die Hoffenheim hineinstoßen kann. Sollte es gelingen, die zu erwartenden schnellen Angriffe der Schwaben unbeschadet zu überstehen, könnte man den Gegner mit nur zwei, drei gefährlichen Vorstößen erst ins Wanken und schließlich zu Fall bringen.

normal_ug155_1099_031015Ähnlich wie den Schwaben, die sich schon sicher wähnten, könnte es übrigens den Bayern gehen. Sollten sie nach der peinlichen Niederlage gegen Mainz am Wochenende auch gegen Dortmund verlieren, wäre der BVB bis auf zwei Punkte am vermeintlichen nächsten Meister dran. Und die ausgerufene langweiligste Saison aller Zeiten, was die Meisterschaft anbelangt, würde auf einmal wieder mega-spannend. Und am Ende wäre gar Dortmund Meister. Für diesen Fall hätten wir die drei Punkte letzten Sonntagabend beim BVB allerdings noch weniger gern hergegeben.

Fotos: Uwe Grün, Kraichgaufoto

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Alexander H. Gusovius