Drama und Presswehen

Was für ein Spiel! 60 Minuten lang hat Hoffenheim den BVB exzellent im Griff, 20 weitere Minuten lang gelingt es der TSG in Unterzahl, den BVB am Torerfolg zu hindern. Dann fallen in den letzten zehn Minuten in rascher Folge drei Tore, Dortmund siegt standesgemäß. Aber nicht überzeugend. Nicht wirklich verdient. Hoffenheim erfährt viel Lob für die gezeigte Leistung.

Als die Aufstellung bekannt wurde, rieben sich viele die Augen, als die Mannschaft die Partie aufnahm, noch mal mehr. Drei Innenverteidiger, zwei Außenverteidiger, zwei Sechser, ein offensiver Mittelfeldmann und zwei Stürmer: Wollte Julian Nagelsmann in Dortmund Beton anrühren, hinten dicht machen – wo Hoffenheim doch gerade wieder angefangen hatte, offensiv zu überzeugen? Mitnichten. Denn die Aufstellung war an Flexibilität nicht zu überbieten und variierte je nach Spielsituation von einem 5-1-1-3 zu einem 3-2-2-3 oder einem 3-4-3.

Und Dortmund hatte schwer daran zu kauen, in der ersten Halbzeit wirkte die schwarz-gelbe Startruppe über weite Strecken hinweg wie aus dem Spiel genommen. In Ballbesitz schob sie die Kugel bis zur Mittellinie immer wieder ratlos umher, griff zunehmend zu langen Bällen, die ins Leere oder ins Aus gingen – und sah sich Hoffenheimer Gegenangriffen ausgesetzt, die schnell und sicher hinten heraus gespielt wurden, den Raum breit und steil nutzend, Gefahr vors Tor von Bürki bringend.

So dass es nach 25 Minuten völlig verdient 0:1 stand. Einen der gefährlichen Hoffenheimer Konter hatte Volland, von Rudy geschickt, mit einem fulminanten Schuss abgeschlossen, den Bürki nur noch wegklatschen konnte – worauf er sich von Abstauber und Geburtstagskind Rudy, der durchgelaufen war, getunnelt sah. Volland kam bald darauf nochmal aussichtsreicher in Schussposition, scheiterte aber wieder an Bürki, nur dass der Dortmunder Keeper diesmal abwehren konnte. Mehr als eine Freistoßchance hatte der BVB bis zum Pausenpfiff nicht.

Nach der Pause – Gündogan war ins Spiel gekommen – wirkte Dortmund zunächst ideenreicher, verzeichnete auch einen Pfostenschuss, wurde aber von der enorm flexiblen und sicheren TSG-Gesamtdefensive weiterhin gut kontrolliert, bis es zur Schlüsselszene des Spiels kam. Nach einer Stunde Spielzeit sah sich Rudy bei einem schnellen Dortmunder Gegenangriff in der Pflicht, den ballführenden Aubameyang von hinten anzugehen und zu stoppen. Im Prinzip lag er damit auch richtig, nur an der Ausführung haperte es.

Statt noch ein bisschen hinterherzulaufen und wenigstens pro forma den Zweikampf zu suchen, warf sich das Geburtstagskind mit den Füßen voran von hinten Richtung Aubameyang und Ball, versuchte in einer Art Überoptimismus wohl auch, letzteren wegzuspitzeln, traf indessen vorhersehbar nur den Fuß des sprintenden Stürmers – und legte ihn flach. Schiri Sippel fasste sich an die Brust, wo die sympathische gelbe Karte steckte, besann sich jedoch und ließ die Hand leider herabsinken Richtung Gesäßtasche, wo sich die böse rote Karte befand, die er zu Rudys Entsetzen und dem aller Hoffenheimer Spieler und TSG-Fans herauszog und in den Abendhimmel hob. Der allgemeine Tenor danach: Gelb wäre auch möglich gewesen und hätte in diesem Spiel ohne jede Härte wohl mehr Feingefühl bewiesen.

Und Hoffenheim hatte bis dahin ein Klassespiel abgeliefert und sollte jetzt eine halbe Stunde lang in Unterzahl gegen eine der angriffsstärksten Mannschaften der Liga bestehen – was fast aussichtslos war. Nagelsmann beschloss, hinten dicht zu machen, legte einen Ring aus fünf Verteidigern plus vier Mann davor um den Strafraum und verlieh seiner Mannschaft damit bis zur 80. Minute tatsächlich ausreichend Stabilität, um die knappe Führung zu halten. Als nach einer kurzen Ecke Gündogan und Mkhitaryan jedoch ein einziges Mal Übergewicht herzustellen vermochten, war es geschehen. Kurz danach fielen auch jene weiteren zwei Tore, die Dortmund einen schmeichelhaften Sieg einbrachten – und Hoffenheim jede Menge Anerkennung bescherten.

Wäre unterm Strich ein Punkt, wären drei Punkte besser gewesen? Einerseits ja, wie denn auch nicht, zumal die Konkurrenz im Abstiegskampf durchgängig punkten konnte. Andererseits liegt in dieser ehrlichen Anerkennung etwas, das sich vielleicht noch als substantieller erweisen wird. Denn die allgemein erkennbare, erstligafähige Spielanlage der TSG, wie sie unter Nagelsmann in Dortmund nochmal sichtbarer wurde, kann wohl nur unter Presswehen wirklich ins Leben treten, um immer mehr zu wachsen und zu gedeihen. Wenn die Mannschaft sich von der dramatischen Dortmunder Szenerie also zuletzt nicht bedrücken, sondern noch weiter zusammenschmieden lässt, hat sie ihre Zukunft noch aussichtsreicher selbst in der Hand!

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Alexander H. Gusovius