Starker Auftritt

„Wir haben gegen eine Mannschaft verloren, die den Sieg mehr wollte als wir.“ Mit diesen Worten hatte der Mainzer Trainer Martin Schmidt auf der Pressekonferenz gleich nach dem Spiel einen wichtigen Grund für den Hoffenheimer Sieg über seine Mannschaft benannt. Denn es war deutlich zu sehen, dass Hoffenheim von Beginn an bereit war, bei widrigen Platzverhältnissen das letzte aus sich herauszuholen, selbst in der Anfangsphase, als es noch nicht so gut lief. Mainz, mit drei Siegen im Rücken, ging die Sache etwas entspannter an.

normal_ug037_0501_200216Der entscheidende Grund für diesen eminent wichtigen Heimsieg lag indes anderswo, weshalb es neben Süle, Strobl, Volland und Uth noch ein paar mehr Hoffenheimer Spieler verdient hätten, in die „Kicker-Elf des Spieltags“ aufgenommen zu werden: Hoffenheim hat motiviert, diszipliniert und vor allem auch inspiriert aufgespielt. Hoffenheim hat gleichermaßen Kampf und Spielfreude vermittelt. Hoffenheim hat in diesem Spiel zuerst sich und dann den Sieg gesucht – und dadurch beide gefunden.

normal_ug126_1199_200216Der „Spirit“ ist zurück in der Mannschaft. Man kann es nicht anders sagen und fühlt sich ein wenig an die ersten Schritte unter Gisdol erinnert, als der neue Trainer im Frühjahr 2013 einer taktisch darniederliegenden, akut vom Abstieg bedrohten Mannschaft erfolgreich empfahl, so zu spielen, dass ihr der Fußball wieder Spaß macht. Das brachte die Wende sowie den Klassenerhalt und führte zur so genannten „Spektakelsaison“, in der Hoffenheim extrem viele Tore schoss, aber nur knapp weniger kassierte.

Die Mannschaft spielte in Gisdols Anfangszeit, nachdem die „Blut, Schweiß und Tränen“-Philosophie von Trainer Kurz und Manager Müller so gar keinen Erfolg gebracht hatte, wie befreit auf und holte Punkt um Punkt, bis zuletzt der Sprung auf den Relegationsplatz gelang. Diesmal liegen die Verhältnisse etwas anders, auch wenn das Vokabular von Julian Nagelsmann ähnlich ist, wenn er den Spaß am Fußball betont. Denn die Gisdol‘schen Startphase verlief weitaus weniger strukturiert – und als Gisdol nach der folgenden „Spektakelsaison“ begann, Wert auf eigene Strukturen zu legen, kam die Mannschaft aus dem Tritt, wovon sie sich bis zuletzt nicht erholte.

normal_ug057_0717_200216Bei Nagelsmann scheint der intendierte Strukturimpuls dagegen vom Fleck weg in der Mannschaft zu greifen. Am Samstag im Stadion rieb man sich mitunter die Augen, wie schnell und sicher das Passspiel war, wie sicher und flexibel die Positionswechsel gerieten, wie rasch sich die Mannschaft  ins neue Konzept eingefunden hat. Drohte Hoffenheim in dieser Saison nach Rückschlägen sofort auseinanderzubrechen, hat diesmal das frühe Mainzer Konter-Tor den mannschaftlichen Willen eher noch verstärkt, so dass es umgehend zum Ausgleichstreffer kam. Und dieser mannschaftliche Wille ist vor allem deshalb wie mit Händen zu greifen, weil die Mannschaft sich in den neuen Strukturen sichtbar wohl fühlt und ihnen vertraut.

normal_ug121_1184_200216Zwei Tore von Uth, der wegen ansprechender Trainingsleistungen und der gelb-roten Karte von Kramaric zum Zuge kam, bestätigten die Klasse dieses Stürmers, den manche schon als Fehleinkauf titulierten. Dabei hatte Uth wie so viele andere nur unter einem für ihn und die gesamte Mannschaft ungeeigneten spielerischen Konzept gelitten und konnte von Huub Stevens deshalb kaum aufgeboten werden. Jetzt jedoch zeigt Uth, wie ballsicher und gedankenschnell er vorne agieren kann, während Volland auf der ungewohnten linken Seite ebenfalls einen großen Sprung nach vorn gemacht hat und zwei Tore vorbereitete, ideal unterstützt von Ochs hinter ihm, der ebenso positiv überrascht – weil er endlich seinen Fähigkeiten und seinem großen Talent gemäß eingesetzt wird. Nicht zu vergessen ist auch Kaderabeks sehenswerter Flankenlauf, der zum 3:1 durch Uth führte und den insgesamt starken Auftritt einer neu beseelten Mannschaft komplettierte.

normal_ug118_1160_200216Auf der Grundlage der von Huub Stevens vermittelten Ordnung und wiederhergestellten Kondition kann die Mannschaft nun, spät genug in dieser bislang brisanten Saison mit einer gefährlich leistungsdichten unteren Tabellenregion, gerade noch rechtzeitig den ihr gemäßen Spielbetrieb aufnehmen – und sie erreicht damit die Herzen der Fans. Das, was wir gegen Mainz gesehen haben, ist „unsere“ TSG und „unser“ Fußball, ist Hoffenheim pur. Inklusive dem Herzschlagfinale, nachdem Mainz in der 78. Minute noch den Anschlusstreffer erzielt hatte und Julian Nagelsmann gefühlt öfter auf seine Armbanduhr als aufs Spielfeld schaute.

normal_ug159_1418_200216Es ist trotzdem bei weitem zu früh, das Abstiegsgespenst für vertrieben zu halten. Allen im Verein, drinnen wie draußen, stehen nervenzersetzende Wochen bevor, in denen sich das Konzept von Nagelsmann und die Motivation der Mannschaft vollends beweisen müssen. Aber eines kann man jetzt schon mit Gewissheit sagen. Es macht wieder Spaß, dabei zuzuschauen, dabei zu sein!

Fotos: Kraichgaufoto, Uwe Grün

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Alexander H. Gusovius