Hoffenheim reloaded

Alle Welt spricht von Julian Nagelsmann. Nach seiner Pressekonferenz am Freitag, wo er schon viele skeptische Geister durch Gelassenheit und Kompetenz, Charme und Unmittelbarkeit zu überzeugen vermochte, hat unser blutjunger neuer Trainer auch am Samstag im Weserstadion beim 1:1 zu überzeugen gewusst – durch aktiven, modernen Fußball.

Dabei hatte er nur zwei Trainingseinheiten Zeit, die Mannschaft auf sein fußballerisches Konzept auszurichten. Das Ergebnis konnte sich aber bereits sehen lassen: Hoffenheim schien aus seinem offensiven Dornröschenschlaf abrupt erwacht, agierte hoch und brachte das Bremer Aufbauspiel und die Bremer Defensive durch kalkulierte Überzahl immer wieder in arge Bedrängnis. Geradezu atemberaubend jedoch geriet das Hoffenheimer Defensivkonzept.

Da stand hinten eine Dreierkette, formiert aus Bicakcic, Süle und in der Mitte Schär, nach Bedarf unterstützt durchs Mittelfeld und dann als Fünferkette wirksam, mit hoch variablen Positionen im Mittelfeld, wo Strobl und Rudy die Fäden zogen, dazu Ochs und Amiri, während vorn Volland, Kramaric und Vargas erstaunlich hohe Offensivkraft abstrahlten. Schon nach 12 Minuten erzielte aus dieser Konstellation heraus Kramaric ein Tor für Hoffenheim.

Leider fiel fast im Gegenzug schon der Ausgleichstreffer, eigentlich ein harmloser Abschluss nach Eckball, den Bicakcic unglücklich ablenkte, unhaltbar für Baumann, der ansonsten wieder einen seiner vielen Sahnetage erwischt hatte und die Bälle geradezu magisch anzog – und damit das 1:1 bis zum Abpfiff sicherte. Unserem Torhüter, der während des Spiels noch am wenigsten mit dem grundstürzend neuen Konzept zu tun hatte und es von hinten umso intensiver beobachten konnte, stand beim Interview danach förmlich ins Gesicht geschrieben, wie mutig, frisch und aufregend die neue Spielweise gewesen war. Überhaupt wirkten die meisten Hoffenheimer nach der Partie regelrecht verjüngt, selbst Kevin Volland war die Schwermut der letzten Wochen und Monate wie aus dem Gesicht gewischt: Julian Nagelsmann hatte sie alle mit seinem Stil angesteckt.

Und nicht nur sie. Ob in der ARD-Sportschau, im ZDF-Sportstudio, im Sport1-Doppelpass, in der KIA-Fußball-Debatte auf Sky oder bei Sport im Dritten im SWR, überall zollten die Fußballreporter und -experten dem neuen jungen Trainer der TSG Respekt. Nach nur zwei Tagen die Hoffenheimer Gene freigelegt zu haben, wieder erfrischenden Angriffsfußball zu bieten und dabei auf eine taktische Ordnung zu setzen, die man in der Bundesliga sonst nur bei Pep Guardiola findet, das hatte sie alle überzeugt, das schuf Sympathie, das ließ die 28 Jahre vergessen, die Nagelsmann erst auf dem jugendlichen Buckel hat.

War darum, wie immer wieder spekuliert wurde, die Verpflichtung von Huub Stevens ein Fehler? Weil doch der Fußball von Nagelsmann wie eine Weiterentwicklung der Gisdol’schen Spielweise wirkt? Keinesfalls! Wer das denkt, hat vergessen, wie müde und ausgelaugt die Mannschaft zuletzt unter Gisdol wirkte, wie tief sie sich in taktischen Ideen verzettelt hatte – und wieviel Ordnung, Standvermögen und Kondition ihr Huub Stevens in den drei Monaten seines Wirkens verschafft hat. Vor Huubs Antritt war die TSG hinten löchrig wie ein Sieb und vorne ein zahnloser Tiger.

Wenn sich das, was sich nach dem ersten Spiel unter Nagelsmann andeutet, entsprechend weiter entwickelt, dann nur, weil der Knurrer dafür die Grundlagen gelegt hat. In jedem Fall hat man schon bei diesem Spiel in Bremen mitfiebern können wie lange nicht mehr. Und man hat gesehen und gespürt, dass ein Ruck durch die Mannschaft gegangen ist, dass ihr die neue Spielweise liegt, dass Hoffenheim durch Nagelsmann genau die Wiederbelebung bekommt, die nötig ist, um im letzten Drittel der Saison die entscheidenden Punkte einzufahren. Natürlich hat noch nicht alles perfekt funktioniert und konnte Bremen außer in der Viertelstunde nach der Pause zu oft Druck aufbauen. Aber man darf schon mit Fug und Recht aufs nächste Wochenende gespannt sein! Denn Hoffenheim, in Arni Schwarzeneggers Worten, ist „back“…

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Alexander H. Gusovius