Mission Weser

Nach dem verlorenen Spiel gegen Darmstadt hingen die Fahnen auf Halbmast, allenthalben war zu lesen, Hoffenheim taumele dem Abstieg entgegen. Aber das war und ist keine seriöse Prognose, da schwang bei manch einem viel Enttäuschung oder auch Schadenfreude mit. Die Saison selber dauert noch lang…

Doch jetzt das: Huub Stevens tritt aus gesundheitlichen Gründen zurück, was die Lage im Verein nicht gerade ruhiger werden lässt. Wer ihn ersetzt, ist einstweilen unklar. Zu überraschend kam die Nachricht. Die TSG hat erstmal die Co-Trainer beauftragt und arbeitet an einer weiteren Lösung, die auf die eine oder andere Art vermutlich auf Julian Nagelsmann hinauslaufen wird – der im Sommer ja sowieso antreten soll und nun wohl etwas früher antritt, in Abstimmung mit seinen noch laufenden Trainerprüfungen. Aber noch ist nichts klar.

Was jenseits aller Trainerfragen umso klarer festgestellt werden kann, ist, dass Darmstadt nach Bayer und den Bayern eine der vertracktesten Aufgaben war, die man sich vorstellen konnte. An den Lilien und ihrer, höflich formuliert, unkonventionellen Art, Fußball vorzutragen, sind schon andere gescheitert. Da ging es nahkampfmäßig Mann gegen Mann, Bein gegen Bein, die Darmstädter Taktik legte es vorwiegend auf Spielzerstörung an. Allein das Kontertempo und die Laufleistung der Lilien ließen den Schluss zu, dass hier Fußball im Jahr 2016 gespielt wurde.

normal_ug049_5461_040215Am Samstag geht’s gegen Bremen, und man darf mehr als gespannt sein, wie die Mannschaft auf die neue Lage reagiert. Mit Trotz? Mit Durchschlagskraft? Mit Verunsicherung? In Bremen hat die TSG in der Vergangenheit glanzvolle Auftritte hingelegt, ohne viel zu reißen. Kann ausgerechnet dieses Spiel die herbeigesehnte Wende bringen? Im Fußball gilt jedoch wie im wirklichen wahren Leben: Der Krug geht solange zum Wasser, bis er bricht.

Will sagen, die Dinge laufen solange in eine Richtung, positiv oder negativ, bis es zu jenem Einschnitt kommt, der die Verhältnisse grundlegend umkrempelt. Wann das ist, weiß man leider nicht, kann sein heute, morgen, übermorgen – oder übernächstes Jahr, irgendwann bestimmt… Möglich, dass der Schock über die Demission von Huub Stevens genau dieser Einschnitt ist.

Man muss jedoch zugeben, dass grundsätzlich nichts dafür spricht, dass die Wende jetzt in Bremen gelingt. Grundsätzlich spricht aber auch nichts dagegen! Spielerisch agiert Werder am äußersten Limit und macht seine Defizite wie am Dienstag im Pokal durch enormen Kampfgeist wett, zuhause unterstützt durch ein frenetisches Weserstadion. Hoffenheims Kampfgeist, den Huub Stevens durchaus geweckt und konditionell grundiert hat, vermag bislang vergleichsweise wenig auszurichten – dafür ist unsere Mannschaft spielerisch noch lang nicht am Limit. Sollte sie in Bremen eine gute Mixtur aus Kampfgeist, Trotz und Spielkunst hinbekommen, stehen die Chancen dort gar nicht so schlecht. Uns schon sähe die Welt wieder ganz anders aus.

normal_ug088_5752_040215Doch selbst wenn das Spiel in Bremen verloren würde, ginge die Welt nicht unter. Man leidet zwar, das ist wahr, wie ein Kind, wenn fußballerisch nichts gelingt. Aber man darf seinen Verstand trotzdem nicht abschalten und ihn wie einen Korken auf den Wellen der einzelnen Spieltage tanzen lassen. Und darum gilt bei nüchterner Betrachtung: Selbst nach einer Niederlage in Bremen wäre der Abstieg noch lang nicht besiegelt.

Aber wer weiß schon, was in Bremen wirklich geschieht. Kann gut sein, Hoffenheim gewinnt dort. Man darf jedenfalls darauf hoffen, denn sowohl aus emotionaler wie aus sachlicher Perspektive sind die drei Punkte durchaus drin. Und emotional-sachlich bleiben ist das Gebot der Stunde, im Verein, auf dem Rasen, bei den sportlich Verantwortlichen, bei uns Fans, gerade jetzt.

Fotos: Uwe Grün, Kraichgaufoto

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