70% Ballbesitz, 100% Schock

Nach ansehnlichen Vorstellungen gegen Bayer und Bayern mit immerhin einem Punkt auf dem Habenkonto ging Hoffenheim diesmal leer aus. Beim 0:2 gegen Darmstadt, den Mitkonkurrenten aus dem unteren Tabellendrittel, lief alles schief, was nur schief laufen konnte. Erst schätzte Baumann einen hohen Ball falsch ein (0:1), dann gelangte ein Ball durch unglücklichen Schiri-Kontakt zum Gegner (0:2), beide Male fiel das Tor mitten in eine Drangphase der TSG.

Niklas Süle sagte nach dem Spiel, was tatsächlich unübersehbar war, dass die Mannschaft in der ersten Halbzeit massiv verunsichert aufgetreten sei. „Keiner wollte den Ball haben“, meinte er und hatte damit ganz gut umrissen, warum es nach den vielen Negativerlebnissen und ausbleibenden Erfolgen so leicht zu keiner Trendumkehr kommt: Selbstvertrauen und Motivation liegen am Boden. Allerdings spiegelte er auch sehr persönliche Erlebnisse während des Spiels wider, wo es ihm von hinten heraus allzu oft an geeigneten Anspielmöglichkeiten fehlte.

normal_ug082_7969_070216Als Beobachter von außen tut man sich leicht mit Einschätzungen. Da denkt und sagt man schnell: „Der Tabellenstand sollte eigentlich Motivation genug sein“, aber man unterschätzt damit die Lage der Mannschaft und ihrer Spieler. Für ein Team ist es sehr schwer, aus einer fatalen Serie von Ereignissen auszubrechen. Ein Einzelner vermag eher, das Ruder mit gezielter Selbstmotivation herumzureißen. Als Gruppe gelingt das nur, wenn die Einzelnen sich motivisch alle in eine Richtung bewegen, was bei der hohen Diversität, die gerade eine Fußballmannschaft aufweist, ein höchst komplexes Unterfangen ist.

Kommt hinzu, dass man als Einzelner vorwiegend sich selbst enttäuscht, was noch zu verarbeiten ist. In der Gruppe droht man auch alle Mitspieler zu enttäuschen – und darüber hinaus muss man, um in die Erfolgsspur zu kommen, statt kollektiver Enttäuschung in eine Art kollektiver Beflügelung geraten. Hoffenheim ist darüber ins Taumeln geraten und leidet, was in solchen Situationen zwar normal ist, zudem an einem Übermaß an Selbstbeobachtung, was aber dem nötigen Zutrauen zu sich selbst auch nicht eben förderlich ist.

normal_ug087_8012_070216Darmstadt hat gezeigt, wie man ohne große Selbstbeobachtung und größere Selbstzweifel aus wenig viel machen kann. Ein Spiel wird davon einfach und gelingt, während die Hoffenheimer Situation jedes Spiel unendlich kompliziert werden lässt. Man könnte so viel, aber es gelingt nicht, man müsste so viel, aber man kriegt es nicht hin, man müht sich, man zermürbt sich – und es genügt ein unachtsamer Augenblick, um erneut vor den Scherben all der Anstrengungen zu stehen. Wenn es so läuft, geht irgendwann nichts mehr zusammen. Dann sind 70% Ballbesitz wie gegen Darmstadt gleichbedeutend mit 100% Schockzustand.

Man kann den Spielern nicht vorwerfen, dass sie nicht leidenschaftlich gekämpft hätten. Zweimal waren sie nahe dran, den Lohn einzufahren, beide Male kassierten sie ein Gegentor, beide Male war auch noch Pech dabei. Zu glauben, damit wäre der Abstieg besiegelt, heißt allerdings einen entscheidenden Mechanismus im Fußball zu verkennen – den der Beflügelung. Mannschaften können im Fußball eben noch in Serie haarsträubend ineffizient sein und im nächsten Moment schon in Serie siegen. „Wie Phoenix aus der Asche“ ist ein Begriff wie für den Fußball gemacht, und darum ist der Gang in die Zweite Liga alles andere als unabwendbar.

normal_ug054_7740_070216Manchmal bedarf es zur Beflügelung nur eines glücklichen Umstands – manchmal aber auch eines deftigen Realitätsschubs. Man muss einfach abwarten, ob eines davon oder beides noch eintritt: Zeit ist genug vorhanden, es wäre immer noch verfrüht, die Saison schon abzuschreiben. Denn außer Hannover gibt es noch ein paar andere Kandidaten für ein trauriges Saisonende: Hamburg und Frankfurt zum Beispiel, Bremen auch. Am besten wäre es deshalb, wenn es bereits nächsten Samstag in Bremen zu einer Beflügelung käme.
Fotos: Kraichgaufoto, Uwe Grün

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Alexander H. Gusovius