Kein Sahnetag

Gab es überhaupt Chancen, etwas in München zu holen, ein Remis, vielleicht sogar einen Sieg? Im Prinzip ja, könnte man mit Radio Eriwan antworten, und zwar dann, wenn die Bayern maximal 10% ihrer Chancen in Tore umgewandelt hätten – und Hoffenheim 66%. An besonderen Tagen, fußballdeutsch Sahnetag genannt, kann so etwas durchaus mal gelingen. Der späte Sonntagnachmittag war leider keiner.

Dabei hat sich Hoffenheim in München nicht schlecht geschlagen. Denn dass die Bayern so viele Torchancen ausließen, hatte sehr viel mit der Hoffenheimer Ordnung zu tun. Selbstverständlich hätte es Robben gelingen können, die eine oder andere Chance zu verwandeln, aber aufgrund der engen Staffelung der Hoffenheimer Defensive und der Bedrängung, die Robben erfuhr, bekam er eben nie ganz klare Chancen. Bei Müller das gleiche, bei Lewandowski, der sich eine Art Privatduell mit einem erneut glänzend aufgelegten Baumann lieferte, oft genug ebenso.

Irgendwann, das war klar, würde der Ball trotzdem hinter Baumann im Netz liegen, was in der 32. Minute dann auch geschah. Aber irgendwann, das war ebenfalls klar, würde auch die TSG zu Chancen kommen, wie in der 41. Minute, als Kramaric, der Volland aus der Startelf verdrängt hatte, halbrechts steil auf Neuer ging – und nicht präzise genug abschloss, um ihn zu überwinden. An einem Sahnetag hätte es, wie gesagt, dann 1:1 gestanden und man hätte davon gesprochen, dass die TSG eine exzellente Chancenverwertung betreibe.

Genau daran aber hapert es immer noch, seit Huub Stevens die zweite große TSG-Baustelle, die wacklige Defensive infolge fehlender Ordnung, beeindruckend hat schließen können. Hoffenheim wirkt seither insgesamt sehr gefestigt, mitunter souverän, nur nach vorn herrscht noch jener Druck, der im Fußball geradezu zwangsläufig zu Ungewissheit, Zaudern und Chancenvergabe führt. Daran vermochte auch Neuzugang Kramaric nichts zu ändern, der in der 56. Minute seine zweite, noch größere Chance vergab, einen legendären Einstand zu feiern und wenigstens den Ausgleich zu erzielen.

Niemand weiß natürlich, wie die Bayern in diesem Fall reagiert hätten, wieviel Ballkunst und Einsatz sie dann in die Waagschale geworfen hätten, um das Spiel zu gewinnen. Einstweilen mussten sie noch eine Kopfballgroßchance von Vargas in der 60. überstehen, ehe in der 64. Minute Lewandowski „den Sack zumachte“ und das 2:0 schoss, nach grandioser Vorarbeit von Lahm und übrigens – wie schon bei seinem ersten Tor – erst dann, als nach erfolgreicher Abwehrarbeit der TSG eine spontan unkontrollierbare, mittlere Chaoslage im Defensivverbund der TSG eingetreten war.

Welche Erkenntnisse nimmt man sonst noch aus diesem Spiel mit? Dass die Bayern eine Spielkunst zelebrieren, die nur zwei Lösungen zulässt: Entweder man greift sie extrem hoch an und versucht, sie im Spielaufbau möglichst oft zu Fehlern zu zwingen, die man in Tore ummünzen kann, oder man stellt sie im verdichteten Defensivverbund erst in Strafraumnähe und setzt auf konsequente Torverhinderung sowie auf die eine oder andere glückliche offensive Situation. Die erste der beiden Lösungen hat früher Markus Gisdol praktiziert, die zweite trägt die Handschrift von Huub Stevens. Beide sind daran gescheitert, dass die Bayern ihr technisches und taktisches Potential höchst gekonnt und dazu noch höchst variabel ausspielen.

Ein Gradmesser für die kommenden, viel entscheidenderen Spiele war der Besuch in München daher nicht. Niemand durfte ernsthaft erwarten, ausgerechnet dort die nötigen Punkte gegen den Abstieg einzufahren. Sichtbar war jedoch, dass Hoffenheim ein stabiles Spiel abliefern konnte und nie in Gefahr war, mit Mann und Maus unterzugehen. Die nächsten 15 Spiele sind nun dazu da, unter Beweis zu stellen, dass man es schafft, weniger spielstarke Gegner in die Knie zu zwingen. Die Grundlagen, die Huub Stevens gelegt hat, sollten das absolut möglich machen. Hoffenheim ist einfach zu stark, um nicht zu gewinnen. Vielleicht liegt im Bewusstsein dessen auch eine Gefahr, aber genau da liegt auch die entscheidende Chance. Man muss sie nur nutzen!

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