Mission Lederhose

Nach den Vorkommnissen im Trainingslager von Paderborn, bei denen es zu blanken Ereignissen unterhalb der Taille gekommen sein soll, provoziert der alte Kampfspruch „Zieht den Bayern die Lederhosen aus“ ungute Assoziationen. Es braucht also, falls überhaupt notwendig, ein anderes Motto, um am Sonntag in München ins Spiel zu gehen.

Ohnehin ist es mit irgendeiner erkennbaren Lederhosen-Mentalität der Münchener Bayern nicht mehr weit her. Denn aus Bayern München ist ein Weltverein geworden, ein global aufgestelltes, global denkendes und global handelndes Fußballunternehmen, das regionale Details nur noch als Zierrat  benutzt. Auch das Mia-san-mia hat keine echte Relevanz mehr. Dahinter steckt so viel regionale Eigenart wie hinter Bezeichnungen wie „Französisches Weißbrot“ oder „Bayerischer Gebirgscamembert“. So etwas ist gut fürs Image, so etwas verkauft sich gut, hat aber mit dem spezifischen Inhalt wenig zu tun.

normal_ug112_5956_220815Die TSG wird deshalb in München nicht viel ausrichten, wenn sie sich von den alten Kampfbegriffen leiten lässt. Sie trifft dort auf eine Mannschaft, die auf sämtlichen Positionen überproportional gut besetzt ist und es unter Trainer Guardiola zu bewundernswerter Raumbeherrschung samt nahezu perfekter Ballzirkulation gebracht hat. Dagegen in Dino-Manier fighten zu wollen und wie weiland die Lauterer in den neunzigminütigen Nahkampf zu gehen, hat wenig Aussicht auf Erfolg.

Spielerisch mitzuhalten dürfte ebenfalls wenig ertragreich sein, technisch und taktisch sind die Bayern Hoffenheim weit überlegen. Die TSG kann vermutlich nur dann gegen München bestehen, wenn sie die Spielweise vom Samstag gegen Leverkusen wiederholt: tief stehen, die Räume eng halten, den Gegner kommen lassen und abfangen – und damit zermürben. Und bei den sich immer mal bietenden Konterchancen zuschlagen!

normal_ug120_6004_220815Aber machen wir uns nichts vor: München ist eine Großmacht im Fußball. Hier zu gewinnen, gehört ins Reich der Träume… Aber warum sollen Träume andererseits nicht auch ab und zu mal wahr werden und wenigstens zu einem Unentschieden führen? Völlig unmöglich ist das nämlich nicht, denn erstens wächst Hoffenheim gegen spielstarke Mannschaften gern über sich hinaus, und zweitens befinden sich die Bayern gerade in einer merkwürdig wackligen Phase, in der sie kaum einmal die Hälfte dessen abrufen, wozu sie in Spitzenmomenten fähig sind.

Klar ist jedoch, dass Hoffenheim die dringend benötigten Punkte eher anderswo, also gegen Bremen, Frankfurt, Darmstadt, Stuttgart, Hannover oder Hamburg holen muss. Und da kann ein guter Auftritt in München, ob er nun Punkte einbringt oder nicht, fürs Selbstbewusstsein wichtig sein. Vor allem die so lange darniederliegenden Offensivtechniken der TSG könnten, nachdem sie gegen Leverkusen phasenweise wieder sichtbar wurden, in München weiteren Auftrieb erhalten.

normal_ug118_5998_220815Alles in allem darf man gespannt sein, was am Sonntag passiert. Dass die TSG in München unter die Räder kommt, ist nicht zu erwarten. Wenn sie den Prozess weiterschreiben kann, der aus immer standfesterer Organisation und zart ins Blühen kommenden Angriffen besteht, wäre schon viel gewonnen. Erst danach geht es in die heiße Phase der Kampfspiele gegen Darmstadt und in Bremen!

Fotos: Uwe Grün, Kraichgaufoto

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Alexander H. Gusovius