Baumann und Hamad!

Ist der Rückrundenstart eigentlich geglückt oder missglückt? Auch zwei Tage danach scheiden sich daran die Geister, wobei die Mehrheitsmeinung zurecht in Richtung „ermutigende Steigerung“ tendiert. Angesichts der Siege von Frankfurt, Darmstadt, Stuttgart und Bremen ist jedoch der Abstand zu den meisten Konkurrenten im unteren Tabellendrittel sogar größer geworden.

Aufgrund des deutlich besseren Torverhältnisses rangiert Hoffenheim jetzt trotzdem auf Platz 17, nachdem wenigstens Hannover gepatzt hatte. An der Tabellensituation lässt sich daher genauso wenig ablesen, ob der Rückrundenstart geglückt ist – was zu diesem frühen Zeitpunkt ohnedies eher von rechnerisch-orakelnder Qualität wäre. Besser ist es, man schaut sich den Auftritt der Mannschaft isoliert an, also ohne Vergleiche zu anderen Klubs zu ziehen. Doch auch da zeigt sich eine gewisse Unschärfe!
normal_ug028_4098_230116
Denn das zweifellos stabile Spiel der TSG gegen Leverkusen, garniert sogar mit einigen offensiven Glanzlichtern, war einerseits fraglos eine Weiterentwicklung: Hoffenheim sah bei diesem verdienten Remis zu keinem Zeitpunkt auch nur im Ansatz wie ein Absteiger aus. Andererseits hat die TSG aber auch im Hinspiel keinesfalls schlecht ausgesehen und nie und nimmer wie ein Absteiger gespielt. Die knappe 2:1-Niederlage im vergangenen August war allenfalls ein Offenbarungseid in Sachen Kondition (siehe: http://hoffenheimblog.de/2015/08/17/die-formkurve-zeigt-nach-oben/).

Davon war am Samstag aber nichts mehr zu sehen. Trainer Huub Stevens hat die Mannschaft konditionell und strukturell auf Vordermann gebracht. Es herrscht inzwischen verlässliche Ordnung in den Reihen der TSG – und Leverkusen biss sich die Zähne daran aus. Dem gefährlichen Angriff der Werkself gelang es in der ersten Halbzeit folglich kaum, sich bis in die sensible Zone im Strafraum durchzukombinieren. Und wenn Leverkusen trotzdem gefährlich wurde, sprang, tauchte und hechtete Baumann dazwischen, der schon seit Längerem in bestechender Form ist.

normal_ug037_4154_230116Tief und sicher stand die TSG in der ersten Halbzeit. Den eigenen Angriffen war das nicht unbedingt zuträglich, aber in solchen Spielen ist auch Geduld gefragt – und wurde belohnt, als Hamad kurz vor der Halbzeit nach einem Eckball an den Ball kam und ihn mit einer gezielten Breitseite klug im langen Eck versenkte. Neben Baumann war Hamad ohnehin die prägende Figur in den Hoffenheimer Reihen: als zentraler Ruhepol, als intelligenter Ballverteiler, als Kopf der Mannschaft, um damit endlich den bisher zu großen Druck von den Sechsern zu nehmen.

Kurz nach der Halbzeitpause, als Hoffenheim plötzlich mehrere Male brandgefährlich nach vorne kam und die tiefstehende Ordnung aufgab, hätte Hamad beinahe noch das 2:0 erzielt – sein Schuss aus der Strafraummitte nach schöner Vorarbeit durch Volland war nur etwas zu hoch angesetzt und strich über Lenos Kasten hinweg. Taktisch war die offensive Explosion zwischen der 45. und der 60 Minute eine wahre Meisterleistung, Leverkusen wirkte auf einmal wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen und hatte extremen Dusel, dass Schmids Schuss in der 59. Minute nicht ins Tor, sondern an den Pfosten ging und von Vargas, nachdem er unter Leno durchrutschte, nicht weiter verwertet werden konnte.

normal_ug077_4403_230116Dieses elementare Bild wurde für die Werkself zum Weckruf. In der Folge ging Leverkusen wieder zielgerichteter nach vorn, Hoffenheim stand wieder tiefgestaffelt. Eine Viertelstunde lang ging das gut, dann profitierte Toprak von einem erheblichen Ballgetümmel im TSG-Strafraum und brachte den Ball zum 1:1 unter. Vorausgegangen war leider ein fataler Abwurf von Baumann, der direkt beim Gegner landete. Aber wie direkt oder indirekt Baumann auch immer in den Gegentreffer verwickelt war: Weitere mögliche Treffer der Werkself verhinderte er ein ums andere Mal mit Glanzparaden!

In der Summe und unterm Strich kann man dieses Spiel nur als Aufwärtsentwicklung begreifen, auch wenn Hoffenheim sich gegen spielstarke Mannschaften immer schon besser darzustellen wusste. Zur echten Bewährungsprobe kommt es dann nach dem Bayernspiel gegen Darmstadt und in Bremen. normal_ug044_3323_230116Aber man kann, darf und muss darauf setzen, dass die augenfällige Verbesserung des Hoffenheimer Fußballs, jetzt auch garniert mit offensivem Glanz, dann die nötige Durchschlagskraft haben wird. Mit Baumann, mit einer stabilen Innenverteidigung aus Süle und Schär, mit Kim und Kaderabek in aufsteigender Form, mit einer variablen, im Spielaufbau durch Hamad effektiv entlasteten Doppelsechs und mit Volland, Schmid, Vargas, Uth, Zuber, Elyounoussi, Amiri, Kuranyi und einem nur kurz erstmals eingewechselten, aber höchst interessanten Kramaric in Mittelfeld und Sturm ist es mehr als gerechtfertigt, optimistisch zu sein.

Fotos: Kraichgaufoto, Uwe Grün

Deine Meinung zum Artikel:
Alexander H. Gusovius