Zum Haareraufen

Es war wie verhext. Hoffenheim agierte defensiv sicher und lieferte eine richtig gute Mittelfeld-Vorstellung ab, wirkte offensiv aber nahezu blockiert. Schalke wirkte defensiv unsicher, kam im Mittelfeld nur selten ins Rollen und war offensiv weitgehend ratlos. Schalke gewann das Spiel mit 1:0.
Warum eigentlich? Weil Schalke abgeklärter war? Nicht wirklich. Oder gab die Verunsicherung der TSG den Ausschlag? Auch danach sah es nicht aus, dafür waren die Spielzüge im Mittelfeld zu souverän vorgetragen. Es ist ein einziges, großes Rätselraten. Sicher ist nur, dass Hoffenheim zum Ende der Hinserie auf Platz 18 der Tabelle liegt. Und viel von jenem Instinkt verloren zu haben scheint, mit dem man wacklige Spiele an sich reißt.

FC Schalke 04 - 1899 HoffenheimDie Situation der Hoffenheimer Mannschaft erinnert ein bisschen an junge Ingenieure, die frisch von der Hochschule kommen und vieles gelernt haben. Im Job wollen sie jetzt natürlich beweisen, was sie können, sie brennen förmlich darauf, ihr Wissen umzusetzen. Aber die schönen technischen Zeichnungen, die sie voller Enthusiasmus anfertigen, scheitern in der Produktion. Da zählt etwas anderes: Erfahrung, Machbarkeit, Realismus. Mit jedem weiteren Scheitern fühlen sich die jungen Ingenieure immer leerer, immer nutzloser, immer unfähiger.

Huub Stevens wiederum erinnert an einen in die Jahre gekommenen Meister, der sein Handwerk und die Produktion dafür umso besser kennt und die enttäuschten jungen Ingenieure auf den Boden der Tatsachen zurückholen kann. Denn die technischen Zeichnungen sind im Prinzip gut, aber sie funktionieren nur in der Theorie. Sie sind Kopfgeburten. Um ein konkurrenzfähiges Produkt auf den Markt zu bringen, müssen sie pragmatisch angepasst werden. Da geht es oft nur um Details, die sich aber auf das Zusammenwirken aller Faktoren intensiv auswirken.

Es dauert seine Zeit, bis sich junge Ingenieure und Fußballer in der Realität einfinden. Und die TSG scheint sich mitten in diesem Einfindungsprozess zu befinden. Noch hat sie die Lektionen des erfahrenen Meisters nicht ausreichend berücksichtigen gelernt, um das viele Kopfwissen, das die Mannschaft aus der Zeit davor mit sich herumträgt, in pragmatischen Fußball und in Erfolge umzusetzen. Sie kann noch kein konkurrenzfähiges Produkt anbieten.

Schalke 04 - 1899 HoffenheimTeile des neu zu erwerbenden, realitätsbezogenen Wissens hat sie schon verinnerlicht – beim Festhalten des knappen Vorsprungs gegen Hannover, aber auch bei der Niederlage auf Schalke zu besichtigen, wo Hoffenheim teilweise glänzende Spielzüge durch die Mitte, über die Flanken, bei Flankenwechseln, bei der Spielverlagerung usw. zeigte. Anderes fehlt noch, vor allem das, was im Instinktbereich angesiedelt ist. Hier leidet die Mannschaft ganz erheblich unter den Folgen jenes recht kopflastigen Umschaltdogmas, auf das sie in der letzten Saison geschult worden war.

Anders ist es wohl nicht zu erklären, dass diese vielen guten Fußballer nicht insgesamt gut spielen, dass sie ihre Talente viel zu selten in praktischen Erfolg ummünzen können, dass sie vor allem ihren Hoffenheimer Offensiv-Instinkt eingebüßt haben. Aber lassen wir uns nicht entmutigen. Nachdem zuerst die Defensive deutlich an Standfestigkeit gewonnen hat, ist jetzt das Mittelfeld handlungsfähiger geworden. Kommt die Offensive als dritte Baustelle auch noch ins Laufen, kann die Rückrunde erfreulicher werden.

Natürlich war es zum Haareraufen, dass auf Schalke nicht wenigstens ein Punkt geholt wurde. Die Knappen waren von unseren zwei Viererketten derart überfordert, dass ihnen kaum ein gutes Zuspiel in die Spitze gelang. Umgekehrt setzte ihnen unser Mittelfeld mit schnellen Kombinationen und überraschenden Seitenwechseln derart zu, dass sie fast schon panisch nach hinten liefen und nur das Glück hatten, dass unsere Offensive mit dem schönen Aufbauspiel nicht viel anzufangen wusste.

Ein Glückstor hat das Spiel entschieden, Platz 18 ist die Folge. In der Rückrunde müssen vor allem die Spiele gegen Bremen, Darmstadt, Stuttgart, Hannover und Frankfurt gewonnen werden. Wenn dazu hier und da noch ein Punktgewinn gelingt oder zum Ausgleich drei Punkte geholt werden, falls nicht alle Sechspunktespiele erfolgreich zu gestalten sind, dann dürfte das Schlimmste abgewendet sein. Darauf müssen wir hoffen, darauf können wir setzen.

Jetzt ist aber erstmal Weihnachten und Neujahr. Durchatmen und Abschalten sind angesagt, für die Spieler, die Fans, die Verantwortlichen. Der Hoffenheimblog wünscht ihnen entspannte und erholsame Tage und einen stimmungsvollen Übergang ins neue Jahr! Fröhliche Weihnachten und ein glückliches und erfolgreiches 2016!

Fotos: dpa

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