Kleiner großer Schritt

Michael Frontzeck, Trainer von Hannover 96, hat einst in Gladbach mehr als den Grundstein für jenen bis heute anhaltenden Erfolg gelegt, den Lucien Favre als sein Nachfolger erarbeiten konnte. Dazu gehörte eine ebenso klug angelegte, offene Grundordnung wie eine hohe Beweglichkeit im Spiel. In der ersten halben Stunde der Partie in Sinsheim war genau das auch bei Hannover 96 zu sehen – die Niedersachsen griffen sehr hoch an, waren im aufgerückten Mittelfeld äußerst präsent und schnell und flexibel unterwegs und zwangen Hoffenheim damit entweder zu langen Bällen nach vorn, meist ins Nirgendwo, oder zu Rückpässen, die von den eigenen Fans alsbald mit Pfiffen bedacht wurden.
Zu diesem Zeitpunkt sah es nicht danach aus, dass Hoffenheim als Sieger vom Platz gehen würde. Hannover beherrschte das Spielgeschehen, kombinierte sich immer wieder ansehnlich nach vorn und kam auch zu Torchancen – zumindest in Ansätzen. Einmal, in der 15. Minute, rettete Baumann sensationell, indem er einen Lattenrutscher mit den Fingerspitzen an den Innenpfosten lenkte. Seine Mannschaft jedoch wirkte gehemmt und verunsichert. Wäre Hannover da vor dem Tor abgeklärter gewesen, hätte es leicht zur Führung für die Niedersachsen reichen können, die allerdings ohne die spielwichtigen Kiyotake und Sobiech angereist waren.

normal_ug049_7811_121215Doch tat die TSG auch das ihre dazu, dass Hannovers Sturmschwäche anhielt. So leicht lässt sie sich nicht mehr übertölpeln. Durch Huub Stevens ist die Mannschaft stabiler geworden, sie agiert ruhiger und nutzt eben, wenn kein Durchkommen nach vorn ist, das Mittel von Rückpässen, auch wiederholt. Das sei immer noch besser, als den Ball zu verlieren und sich einen Konter einzufangen, gab Fabian Schär nach dem Spiel zu bedenken.

Recht hatte er. Wenn es wegen der mannschaftlichen Unsicherheit in einer bislang schrecklich erfolglosen Saison noch zu keinem Offensivspektakel reicht, wenn keiner einen entscheidenden Fehler machen will, indem er statt eines tödlichen Passes einen suizidalen Pass fürchtet, wenn dadurch die Spiele anfangs zu einer Fahrt mit kräftig angezogener Handbremse werden, dann ist die neue stabile Ordnung von größter Bedeutung. Solange sie hält, kann man nämlich mit Aussicht auf Erfolg versuchen, die erstickende Unsicherheit Minute für Minute abzustreifen und sich ins Spiel hinein zu kämpfen.

normal_ug064_7949_121215Genau das geschah auch. Und in der 30. Minute ging Volland rechts durch, flankte nach innen und fand Schmid, der fein in den Knien einfederte und den Ball unhaltbar für Zieler ins lange Eck platzierte. Noch wusste niemand, dass dies das einzige Tor sein würde und es den ersten Heimsieg der Saison bedeutete – aber umso mehr war es, durch die Art des Zustandekommens, fast ein Fanal. Denn in der zweiten Halbzeit gab es eine ähnliche Szene, in der Elyounoussi den Ball halbrechts nach vorn trieb, aber gezwungen war, vor dem Strafraum nach links in die Mitte zu kurven. Da jedoch Volland, der rechts mitlief, in Nussis Rücken ebenfalls schon in die Mitte eingeschwenkt war, entlang der Glaubenssätze der Gisdol-Zeit, alles zentral abzuwickeln, fehlte er erstens rechts als Anspielstation und gab es zweitens in der übervölkerten Mitte keinen Raum mehr für ein sauberes Abspiel – und die aussichtsreiche Konterchance war dahin.

normal_ug098_8127_121215Das Angriffsspiel der TSG ist unter Stevens variabler geworden und nutzt vor allem auch den offenen Raum auf den Flanken. Noch liefert die TSG aus den besagten Gründen allgemeiner Verunsicherung nicht allzu viele Beispiele davon ab, aber das entscheidende Tor am Samstag war mehr als ein Anfang. Mit Vargas, den Stevens schon nach gut 60 Minuten für einen weiterhin enttäuschenden Volland brachte, kam außerdem viel technische Finesse dazu. Vargas dribbelte ein ums andere Mal erfolgreich, spielte sich nur selten fest und vermied das verfrühte Abspiel, so dass es (statt der vielen Ballverluste von Volland) zu wiederholt brenzligen Lagen für Hannover kam.

normal_ug112_8234_121215Überhaupt zeigte die TSG in der zweiten Halbzeit ein anderes Gesicht. Die Mannschaft hatte ihre Verunsicherung inzwischen halbwegs abgestreift und ging beherzt in die Zweikämpfe, fightete um jeden Zentimeter Rasen und drängte Hannover zurück. Hatten die Niedersachsen sich in Halbzeit 1 noch etwas ausrechnen können, verhedderten sie sich jetzt in einiger Lethargie und viel eigener Unsicherheit.

normal_ug168_1955_121215Die drei Punkte waren sehr, sehr wichtig. Für die Herzen der Fans bedeutete dieser erste Heimsieg einen versöhnlichen Abschluss der Hinrunde, für die Mannschaft war er eine beglückende Belohnung fürs Einschwenken auf neue Wege, für den Verein kam er einer substantiellen Bestätigung gleich. Bei einer Niederlage wäre Hannover weit weg gewesen, und mit den nächsten Ligaspielen gegen Schalke, Leverkusen und München hätte der Abstand noch größer werden können. Es war ein erster Schritt. Nur ein kleiner Schritt, gewiss, und doch auch ein großer, weil er gezeigt hat, dass Bewegung in die festgefahrene Struktur der Mannschaft gekommen ist, dass sie sich erfolgreich neu zu orientieren beginnt und vor allem auch den Kampf zur Vermeidung des Abstiegs angenommen hat.

Fotos: Uwe Grün, Kraichgaufoto

Deine Meinung zum Artikel: