Ohne Moos nix los – der Streit ums TV-Geld

St. Pauli möchte, dass Vereine wie Leverkusen, Hoffenheim oder Wolfsburg zukünftig von der Verteilung der Fernsehgelder ausgeschlossen werden. Einen entsprechenden Antrag hat Paulis Geschäftsführer Andreas Rettig für die am 2. Dezember stattfindende Versammlung der 36 Vereine aus der Ersten und der Zweiten Bundesliga vor ein paar Tagen lanciert. Seither diskutiert die Fußballwelt.

Da gibt es die einen, die sagen, es wäre nur gerecht. Die betreffenden Klubs hätten schließlich genug Geld: von Firmen wie VW, von Privatpersonen wie Dietmar Hopp – und viele Fernsehzuschauer interessierten sich für deren Spiele ja auch nicht, zu schweigen von ihren Fans, die in nur geringer Zahl zu Auswärtsspielen führen. Da gibt es andere, die sagen, gerecht wäre es vielleicht wirklich, aber man müsse doch aufpassen, dass darüber nicht die gesamte Solidargemeinschaft der DFL auseinanderflöge. Und es gibt noch eine dritte Meinung, wie sie Watzkes Dortmund vertritt: Fernsehgelder müssten entsprechend der Zuschauerzahlen verteilt werden.  Die vierte Meinung, alles so zu belassen, wie es ist, gibt es natürlich auch, aber sie ist wohl in der Defensive.

Wie immer man die Argumente dreht und wendet, eines scheint klar: Die Jagd aufs Geld ist eröffnet. Und es ist außerdem klar, dass niemand vorhersagen kann, wie die Sache ausgeht. Denn es gibt ein paar unkalkulierbare Strömungen, die auf die Geldjäger warten, sowie sie aus dem bisher sicheren Hafen der Verteilung von Fernsehgeldern herausschwimmen. Zum Beispiel könnte es passieren, dass die geforderte zweigleisige Verteilung von Geld darauf hinausläuft, dass es zu einer ganz großen Uneinheitlichkeit kommt. Wie soll man, wenn das Fass einmal aufgemacht ist, Vereinen wie Bayern oder dem BVB versagen, ihre TV-Vermarktung ganz und gar selbständig zu betreiben?

ohnemoosnixlos3Dann käme sehr vieles ins Fließen – und wir hätten Verhältnisse wie in Spanien, wo die großen Klubs superreich sind – und die andern nicht. Entsprechend zementiert sind die Verhältnisse dort in der Tabelle. Außerdem könnte es passieren, dass unsere Zweite Liga, die bisher garantierte 20% der TV-Gelder einheimst, ohne entsprechende TV-Quoten abzuliefern, auf einmal viel weniger bekommt und sportlich weit weniger leistungsfähig würde. Dann wäre St. Paulis Idee ein vollendeter Schuss ins eigene Knie.

Sowieso geht die ganze Diskussion in die komplett falsche Richtung. Vereine mit Finanzmodellen wie Leverkusen, Hoffenheim, Hannover usw. stellen ja keine Abnormität dar, sondern sind ein Verweis auf die Zukunft. Immer mehr Vereine, auch jenseits der üblichen Verdächtigen, gehen dazu über oder planen wenigstens, Investoren an Bord zu nehmen. Und das ist auch kein Wunder: Spitzenfußball ist kaum mehr darstellbar, wenn man dafür die traditionellen Finanzierungswege beschreitet.

ohnemoosnixlos1Statt also die Solidargemeinschaft bei den TV-Geldern aufzubrechen und in eine höchst ungewisse Zukunft zu gehen, sollten die sogenannten Traditionsvereine lieber daran denken, dass man Tradition nicht frühstücken kann. Tradition ist, anders gesagt, kein Geschäftsmodell in einer sich so rasant entwickelnden Welt wie der des Fußballs. Schon gar nicht, wenn man die bisherige Solidarität aufgibt – zugunsten eines relativ kleinen Vorteils, der rasch zum Bumerang eines erheblich größeren Nachteils werden kann. Sollte bei St. Paulis Vorstoß herauskommen, dass zuletzt jeder gegen jeden um TV-Gelder kämpft, wäre der deutsche Fußball, wie wir ihn kennen und lieben, mit Sicherheit beschädigt. Viele säßen dann an ziemlich leeren Tischen…

Foto: Uwe Grün

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