Es war kein gewöhnliches Spiel nach den Anschlägen von Paris und dem abgesagten Länderspiel von Hannover, die auch bei den anderen Partien von Freitag bis Sonntag stets im Hinterkopf blieben – Gott sei Dank folgenlos. Und es fand nicht unter gewöhnlichen Bedingungen statt, jedenfalls nicht in Berlin – der heftige Schneefall in der ersten Halbzeit blieb auf dem Rasen im Olympiastadion bald liegen. Die Spieler rutschten, der Ball stoppte – und Polanski verschaffte der neuen Torlinientechnik ihren ersten positiven Existenznachweis.

Die Fans sind wütend, enttäuscht und desillusioniert. Nach der Niederlage in Berlin ist unsere TSG auf den letzten Tabellenplatz abgerutscht. Das hatte sich vor der Saison niemand so gedacht, da erwarteten die meisten eher Berlin im Tabellenkeller und die TSG in den internationalen Rängen. Das sahen auch die sogenannten Experten in den Medien so.

Man muss aber sagen, dass allein der letzte Platz noch keine Katastrophe ist. Doch, natürlich ist er das, wie auch nicht! Aber den blanken Fakt, dass Augsburg jetzt an Hoffenheim vorbeizog, muss man differenzierter sehen. Da alle anderen Kellerkinder ebenfalls verloren haben (krachend daheim gegen Augsburg der VfB, noch viel krachender Bremen in Wolfsburg, denkbar knapp Hannover in Gladbach), ist das Tabellenende dadurch insgesamt einfach nur enger zusammengerückt. Was es leichter macht, sich mit Siegen dort herauszuarbeiten.

Und wie ist es darum bestellt? Um Siege bzw. (nachdem das Spiel in Berlin ja verloren ging) um das Potential zu siegen? Nicht gut, das Spiel war alles andere als eine Augenweide, was nicht nur am Schnee lag. Hoffenheim hat definitiv schlecht gespielt. Die Mannschaft ist extrem verunsichert, wirkt identitätslos und scheint jegliche Zuversicht verloren zu haben. Sie ist in den Grundfesten erschüttert. Imgrunde ist sie wie die Fans desillusioniert, enttäuscht und wütend.

Wenn man es positiv sehen will, könnte damit die Talsohle erreicht sein – auf der man nur nicht zu lang verweilen darf. Man könnte auch überlegen, ob die Mannschaft erst ganz unten angelangt sein muss, um zu realisieren, dass die schönen Ambitionen und der schöne Hoffenheimer Fußball, auf die man förmlich abonniert schien, in dieser Saison regelrecht zerplatzt sind. Denn viel zu lang (seit dem zehnten Spieltag der letzten Saison) lebt Hoffenheim schon von Illusionen.

Damit ist es jetzt vorbei. So wahr es ist, dass die TSG mehr Torchancen (3) hatte als Berlin (keine), sind drei Torchancen in 90 Minuten doch viel zu wenig und  hat sich die Hertha trotzdem als viel spielstärker erwiesen. Ihre mannschaftliche Geschlossenheit war deutlich wahrzunehmen – auf Hoffenheimer Seite regierten Unentschlossenheit, Irritation und Überforderung. Schritt für Schritt wird daran zu arbeiten sein, das Auseinanderfallen der TSG zu beheben. Die zweite Halbzeit in Berlin könnte da immerhin ein Anfang gewesen sein.

Fürs erste sollten wir uns darauf einrichten, ohne Wunder auszukommen. Markige Empfehlungen wie „Eier in der Hose zeigen“ sind vermutlich auch nicht sehr hilfreich. Eine an sich selbst zweifelnde und verzweifelnde Mannschaft richtet man nicht auf, indem man sie grob angeht – hier ist Geduld gefragt, Fingerspitzengefühl, Besonnenheit. Denn dem heftig stotternden TSG-Motor fehlt es nicht an PS, nicht an potentieller Leistung – simples Gasgeben hilft dann nichts. Der Fehler liegt, um im Bild zu bleiben, offenbar in der Motorsteuerung, das Zusammenspiel der Kräfte scheint gestört.

Es kann länger dauern, als man denkt und hofft, bei solchen Fehlerquellen wieder konkurrenzfähig zu werden. Gladbach ist da nächsten Samstag sicher nicht gerade ein Wunschgegner. Eher schon sind die folgenden Spiele in Ingolstadt und gegen Hannover geeignet, neuen Mut zu fassen und sich wieder auf den Weg zu machen. Doch auch die Partie gegen Gladbach birgt Möglichkeiten, sich als Mannschaft neu zu erfinden, jenseits der mehr oder weniger abgelebten Illusionen der jüngeren Vergangenheit.

Fotos: dpa

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Alexander H. Gusovius