Ein Anfang ist gemacht

Was für eine Woche liegt da hinter uns! Erst die Freistellung des Leitenden Geschäftsführers Peter Rettig, danach die Freistellung von Markus Gisdol, hiernach die Verpflichtung von Huub Stevens als neuem Übungsleiter, gefolgt von der vertraglich unterfütterten Ankündigung, Julian Nagelsmann, den heute 28-Jähringen, in der kommenden Saison als TSG-Chefcoach zu inthronisieren. Eigentlich war man satt von all den Nachrichten und Veränderungen.

Eine Länderspielpause wäre in dieser Situation genau passend gewesen. Aber Länderspielpausen gibt es anscheinend immer dann, wenn man grad gar keine Lust darauf hat. Und so musste am Samstag neben all dem anderen auch noch Fußball gespielt werden. Die TSG reiste nach Köln, wo sie in einem frenetischen Stadion von einer gut in die Saison gestarteten Kölner Mannschaft und einem bis in die  Haarspitzen motivierten Anthony Modeste empfangen wurde.

Und genau hier lag einer der Schlüssel für die Partie: in der Motivation von Modeste. Denn der Ex-Hoffenheimer wollte es allen zeigen, unbedingt. Regelrecht beweisen wollte er, dass er bei der TSG unter Wert gehandelt worden war, darlegen, dass man ihn in Hoffenheim nicht ausreichend geschätzt hatte, demonstrieren, dass er in Köln zu seiner wahren Berufung gefunden habe, dem Toreschießen in Serie. Das war verständlich, nur klug war es nicht. Es war nachfühlbar, aber nicht zielführend.

Motivationslosigkeit wirkt sich im Fußball meist fatal aus, eine Übermotivation wie bei Modeste aber auch. Der Franzose mit dem großen Schuh brannte förmlich vor Ehrgeiz, schoss aus allen Lagen, zu jeder Gelegenheit – aber immer drüber, vorbei oder haltbar. Je öfter er scheiterte, desto verbissener ging er zuwerke. Die Kölner Chancen, nicht wenige an der Zahl, gingen vorüber, ohne dass es zur Kölner Führung kam, bis zum Schluss. Nach dem Spiel bekannte Modeste denn auch, dass er ein wenig „nervös“ gewesen sei…

Der zweite Schlüssel des auf diese Weise halb glücklichen und halb verdienten Remis lag in den Händen des neuen Trainers. Huub Stevens hatte es tatsächlich geschafft, die Mannschaft aufzuschließen, neu einzustellen und zu erden. Das betraf weniger die Startaufstellung, die auch unter Gisdol kaum anders ausgefallen wäre, sondern eben die Spielweise. Das solide gedachte und solide vorgetragene 4-4-2, unter Verzicht auf frühes Pressing und extremes Anlaufen, bescherte Hoffenheim eine spielerische Ruhe, die nach dem noch nervösen Beginn immer deutlicher zum Tragen kam.

Deswegen wurde noch lange nicht alles gut, was unter Gisdol schlecht lief – und war nicht alles schlecht, was früher im Fokus stand. Aber phasenweise, besonders in der ersten Halbzeit, etwa ab der 20. Minute, war die Handschrift von Huub Stevens schon klar zu erkennen. Man rieb sich förmlich die Augen bei dieser Demonstration klassischen Fußballs. Zu besichtigen waren Ballkontrolle und ein ruhiger, konzentrierter Spielaufbau, beides in den letzten 12 Monaten fast TSG-Fremdwörter, untermischt mit schönen, klaren, schnellen Kombinationen nach vorn, die auch zu Chancen führten, ohne leider genutzt zu werden.

1. FC Koeln - TSG 1899 HoffenheimNach so wenigen Tagen Training und neuer Spielkultur war das schon viel und bescherte immerhin einen Punkt, nicht zuletzt aufgrund einer Defensivleistung, die den Namen verdiente. Köln rannte und kombinierte sich in den zwei Viererketten regelmäßig fest, Hoffenheim war nicht leicht auszuspielen. Dass Schiri Perl nicht auf den Elfmeterpunkt zeigte, als Strobl einmal den Ball ungeschickt, aber wohl unabsichtlich mit der Hand berührte, darf man unter „Glück des Tüchtigen“ verbuchen.

Wie es aussieht, ist damit ein substantieller Anfang gemacht. Hoffenheim könnte, wenn sich die Entwicklung verstetigt, aus defensiver Ordnung und geordnetem Spielaufbau heraus seine offensiven Qualitäten wirkungsvoller als in der Vergangenheit ausspielen und endlich damit beginnen, Spiele zu gewinnen. Nötig ist das allemal, wenn jetzt auch der VfB und Hannover Gefallen am Punktesammeln finden. Am Samstag wäre zuhause gegen Frankfurt gute Gelegenheit dafür!

Fotos: dpa

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Alexander H. Gusovius