Befreiungsschlag

Gestern hatte der Hoffenheimblog noch spekuliert, dass unser erfolgreicher U-19-Trainer Julian Nagelsmann „womöglich“ zum Nachfolger von Huub Stevens auserkoren sein könne, ab Sommer 2016. Wenige Stunden später wurde es bereits zur Gewissheit. Tatsächlich folgt Nagelsmann „Feuerwehrmann“ Stevens auf den Chefsessel und bekommt dafür schon jetzt einen Vertrag bis 2019.

Das Anheuern von Huub Stevens bei der TSG hatte Fußball-Deutschland noch durchschnittlich interessiert zur Kenntnis genommen. Umso elektrisierter reagierte man auf die Nachricht, dass Hoffenheim seine Profis bald einem heute 28-jährigen Fußballlehrer anvertrauen wird. Alexander Rosen fühlte sich denn auch aufgerufen, zu versichern, dass es sich dabei um keinen PR-Coup handele. Was wichtig war, denn so sachbezogen die Entscheidung für Nagelsmann ist, verfügt sie zugleich doch auch über alle Ingredienzen eines Befreiungsschlags.

Doch eins nach dem andern. Huub Stevens zeigte sich erst einmal erfreut, wie offen man bei seiner Verpflichtung miteinander umgegangen sei. Denn während der Gespräche im Vorfeld hatte sich gezeigt, dass beiden Seiten, Stevens wie die TSG, an einer Vertragslaufzeit nur bis Sommer 2016 gelegen war. Damit konnte Hoffenheim seinem heute schon viel umworbenen Trainertalent eine echte Perspektive bieten und konnte Huub Stevens seiner Lust auf die Rückkehr ins Traineramt in überschaubaren Zeiträumen nachgehen. Eine ideale Situation für beide Seiten, mit dem unschätzbaren Vorteil, dass die Vertragspartner perfekt aufeinander abgestimmt in die kommenden Monate gehen können. Während Huub Stevens die Mannschaft stabilisiert und neu einstimmt, erwirbt Julian Nagelsmann neben seinem Job als U-19-Coach die notwendige Lizenz, um ab Sommer 2016 wirklich als Bundesligatrainer arbeiten zu dürfen.

normal_ug142_6127_200915Die TSG schlägt damit zwei Fliegen mit einer Klappe. Einerseits vertraut sie sich nach dem leider zuletzt fehlgegangenen Engagement von Gisdol einem erfahrenen Mann an, der für fußballerische Grundwerte steht und über weitaus mehr Konzeptwissen verfügt als das Umschaltfußball-Labor von Gisdol. Andererseits aber bleibt die TSG mit dem Nachfolge-Engagement von Nagelsmann ihren Leitwerten auf der Spur: Mut, Innovation und Vertrauen in die Jugend. Julian Nagelsmann stellt auch eine Hausberufung dar und belegt damit zugleich den Hoffenheimer Willen, stark auf den eigenen Nachwuchs zu setzen.

Auf die situativ bedingte Rückkehr zu fußballerischen Grundwerten folgt also die Rückkehr zu den eigenen, innovationsgeleiteten Grundwerten: ein zukunftsorientierter Doppelschritt. Das ist ein bestechender Plan, dem man einfach alle verfügbaren Daumen drücken muss. Für Hoffenheim (wie auch für den deutschen Fußball insgesamt) wäre es jedenfalls ein riesiger Gewinn, wenn Tradition und Moderne hier so fruchtbar ineinandergreifen, wie es der Plan vorsieht.

An Vorschusslorbeeren fehlt es nicht. Selbst Medien, die nicht dafür bekannt sind, Hoffenheim und die TSG in den Himmel zu heben, zollen der Doppelverpflichtung Respekt. Thomas Tuchel, der Julian Nagelsmann gut kennt, traut ihm den Job als Bundesligatrainer explizit zu. Und Tim Wiese hat ihn, als er Nagelsmann einst als Co-Trainer in Hoffenheim erlebte, Baby-Mourinho genannt, so beeindruckt war er vom Willen und der Durchsetzungsfähigkeit des damals 25-Jährigen.

normal_ug076_7334_250915Dabei ist Nagelsmanns fußballerisches Konzept in keiner Weise mit Mourinho zu vergleichen, knochenharte Defensivstrategien sind seine Sache nicht. Nagelsmann lässt offensiv spielen, entlang guter Hoffenheimer Tradition. Weil er außerdem die vielen Talente der TSG alle aus persönlicher Anschauung als Trainer gut kennt, ist im Nebenschritt auch noch für die Talent-Durchlässigkeit bei der TSG in Zukunft gesorgt. Nach einem Jahr, saisonübergreifend gesehen, in dem Hoffenheim sportlich in enorme Verunsicherung abgeglitten ist und seine Kernidentität fast einbüßen musste, stellt die Verschränkung des Neuaufbaus durch Huub Stevens mit der Zukunftsorientierung durch Julian Nagelsmann wahrlich einen substantiellen Befreiungsschlag dar.

Fotos: Uwe Grün, Kraichgaufoto

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Alexander H. Gusovius

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