Zurück in die Zukunft – mit Huub Stevens

Es mutet an wie eine Rolle rückwärts. Auf Markus Gisdol, den jungen Konzepttrainer, folgt Huub Stevens, das Urgestein. Mit 61 Jahren gehört er zu den ältesten Trainern, die auf dem Markt sind, und ist jeglicher konzeptuellen Experimentierfreude unverdächtig.

Katapultiert sich Hoffenheim damit zurück in die ‚Eisenzeit‘ des Fußballs? Grätschen die Spieler der TSG bald Ball und Gegenspieler weg, falls ihre Manndecker einmal den Zugriff verlieren? Spielt Strobl demnächst als Libero? Wird der Spielaufbau der TSG statt in Sekunden ab jetzt in Minuten gezählt?

Natürlich nicht. So antiquiert ist der Fußball des Knurrers von Kerkrade nun doch nicht. Sein Diktum „Die Null muss stehen“ verzichtet allerdings auf jene modischen Einsichten, die erfolgreiche Angriffe nur unter 15 Sekunden Anlaufzeit gelten lassen. Stattdessen ist der Fußball von Huub Stevens von Ruhe, Gelassenheit und Solidität geprägt. Dazu gehört eine defensive Spielübersicht, die ihren Namen verdient. Und dazu gehört ein geordneter Spielaufbau, der sich Torchancen nicht im überfallartigen Höchsttempo erarbeitet, sondern durch intelligentes Ballzirkulieren.

normal_ug077_0868_010815Anders als unter Gisdol wird Stevens auch nicht bevorzugt durch die Mitte spielen lassen, sondern die gesamte Breite des Spielfelds nutzen. Und er wird vermutlich auf das vermeintliche konzeptuelle Auslaufmodell eines echten Mittelstürmers setzen – für Kuranyi, Uth und Szalai brechen goldene Zeiten an. Von ihnen wird erwartet, dass sie dort sind, wo ein Mittelstürmer zu sein hat: in der Mitte. Und sie sollen bevorzugt mit Flanken gefüttert werden, nicht mit langen Bällen. Und sie sollen und können darum mehr und aussichtsreicher aufs Tor schießen und köpfen.

Der konzeptuell überhitzten, von den Theorien des ‚Umschaltfußballs‘ überfrachteten Mannschaft sollte das alles guttun. Als Markus Gisdol nach der ‚Blut-Schweiß-und-Tränen‘-Philosophie von Manager Müller und Trainer Kurz im Frühjahr 2013 die Fesseln lockerte und die Mannschaft einfach spielen ließ, begründete er damit das Wunder des Klassenerhalts und lieferte in der Folgesaison einen Spektakelfußball ab, der die Herzen der Fans höher schlagen ließ. Als er danach jedoch daran ging, selber konzeptuelle Fesseln anzulegen, verlor die Mannschaft immer mehr an Schwung und Zusammenhalt.

normal_ug148_3788_270513Bis die Verunsicherung so groß wurde, dass keine Besserung mehr zu erwarten war und sich die Vereinsführung aufgerufen sah, zum Mittel in der Not, dem vorzeitigen Trainerwechsel zu greifen. Von Huub Stevens sind dabei keine erneuten Wunderdinge zu erwarten – er hat auch genug Zeit, um durch konkrete, solide Arbeit den Klassenerhalt zu schaffen. Aber es wird spannend sein, ihm dabei zuzuschauen, in welcher Weise er die Mannschaft stabilisiert, neu entfaltet und auf welchem Niveau sie sich zuletzt einfindet.

Die Karten sind also neu gemischt, die Spieler werden neuen beruflichen Anforderungen ausgesetzt. Alles in allem erscheint die Idee, zur Stabilisierung einer völlig aus dem Takt geratenen Mannschaft einen Mann mit Ankerwirkung und fußballerischen Grundwerten zu verpflichten, wirklich nicht die schlechteste zu sein. Eher im Gegenteil. Und sie hat einen weiteren Vorteil. Am Ende der Mission von Huub Stevens wartet womöglich schon Julian Nagelsmann, unser überaus erfolgreicher Jugendtrainer, der dann die erforderliche Trainerlizenz erworben haben wird und den uns schon die Bayern wegschnappen wollten. Also keine Rolle rückwärts, sondern ein Zurück in die Zukunft… Auf geht’s, Huub!

Fotos: Uwe Grün, Kraichgaufoto

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Alexander H. Gusovius